Gestatten, mein Name ist …

Warum „Über mich“ die falsche Frage ist.

Wer bist du? Was machst du? Woher kommst du? Das sind die Fragen, die ein „Willkommen auf dieser Website“ beantworten soll. Ich bin Ben, ich bin soundso alt, ich komme von dort, wohne hier, ich mache dies und das und bin deshalb toll. Ein Steckbrief; ein mimetisches Versprechen und eine Selbstdarstellung. Und – ironischerweise wie das, was nun folgt – eine Selbstoffenbarung.

Ich merke, dass ich so einen Text seit Jahren vor mir herschiebe. Weil ich mich dagegen sträube, in eine Box gepresst zu werden. Die Antworten, die ich heute geben könnte, werden in ein paar Monaten nicht mehr stimmen. Die Linsen ändern sich, durch die ich schaue. Die Begriffe verschieben sich. Die Fragen werden andere. Was bleibt, ist das „Wie“: eine Art, hinzuschauen. Eine Sammlung von Betrachtungen, die sich über die Zeit verdichten, verzweigen, manchmal widersprechen.

Also: Wer ich bin? Schau dir an, was ich mache. Und schau in ein paar Monaten nochmal. Willkommen im Prozess.

Dass ich so lange gebraucht habe, diesen Text zu schreiben, hängt aber auch mit etwas anderem zusammen. Mit einem Gefühl, für das mir lange das richtige Wort fehlte. Es ist wie Luftfeuchtigkeit in einem trockenen Klima – etwas, das alles schwerer macht, ohne sichtbar zu sein. Die Griechen hatten eine Figur dafür: Kassandra. Die Seherin, die die Wahrheit sieht, der aber niemand glaubt. Die Wahrheit ist unbequem, und die Form, in der sie kommt, hält die Menschen auf Abstand.

Ich schreibe diesen Blog seit Jahren, in verschiedenen Formen und unter verschiedenen Namen. Jetzt ist er wieder unter meinem eigenen zu erreichen. Eine Zeit lang hieß er Bruchlinien und handelte von den Rissen in der alten Ordnung – dem Neomittelalter, den sterbenden Institutionen, den neuen Machtstrukturen, die sich in den Trümmern formieren. Die Texte sind noch da. Der Name wurde zu eng. Das Thema ist dringender denn je, aber die Betrachtungswinkel haben sich multipliziert. Der Blick von oben, den eine Analyse wie „Neomittelalter“ braucht, verträgt sich schlecht mit dem Blick von innen, den ein Thema wie Verantwortung oder Entfremdung erfordert. Und beides verträgt sich schlecht mit dem Einwurf von der Seitenlinie, der manchmal das Einzige ist, was hilft.

Denn alles ist über Pfade miteinander verbunden; „alles ist alles“, sagt ein Freund immer wieder. Das klingt wie eine Ausrede für Beliebigkeit, ist aber das Gegenteil: die Weigerung, Dinge zu trennen, die zusammengehören. Die Frage, warum unsere Städte im Dunkeln verschwinden, ist dieselbe wie die, warum unsere Eliten die Verantwortung externalisieren, ist dieselbe wie die, ob wir überhaupt in der Lage sind, nicht-linear zu denken. Die Antworten sind verschieden; die Frage dahinter, „Wie halten wir das Gewebe zusammen, wenn die alten Ordnungen sich auflösen?“, ist es nicht.

Genau hier steckt das Problem. Diese Art zu denken – in Verbindungen, in Mustern, in der Spannung zwischen Systemen – erzeugt Texte, die intellektuelle Distanz voraussetzen. Diese Distanz schafft eine emotionale Kälte, die real ist, auch wenn sie nicht beabsichtigt ist. Es ist schwer, über die Architektur des Unsichtbaren zu schreiben und dabei einladend zu sein. Es ist schwer, Kassandra zu spielen und gleichzeitig zum Gespräch einzuladen. Die Muster, die ich sehe, sind nicht erfreulich. Aber ich schreibe, weil ich glaube, dass Sehen der erste Schritt ist. Vor dem Handeln kommt das Benennen.

Eric Hoffer hat das besser gesagt:

„Es ist zu erwarten, dass sich Leser:innen an vielem, was hier gesagt wird, reiben werden. Dass sie das Gefühl haben, vieles sei übertrieben und vieles ignoriert. Aber dies ist kein maßgebliches Lehrbuch. Es ist ein Buch voller Gedanken, das nicht vor Halbwahrheiten zurückschreckt, solange sie einen neuen Ansatz andeuten und helfen, neue Fragen aufzuwerfen.“

Das ist die Lizenz, unter der ich hier schreibe. Ich übertreibe und lasse weg. Ich irre mich, und ich korrigiere mich. Ich wandere zwischen den Welten, und manchmal scheine ich den Faden zu verlieren. Was ich nicht tue: aufhören, hinzuschauen.

Vor September 2025 gab es hier andere Texte, die bis 1998 zurückreichten. Ich habe sie gelöscht, für einen Neustart. Ich bereue es manchmal. Aber sie haben mich daran gehindert, dorthin zu kommen, wo die Themen jetzt sind. Ein Blog, der sich häutet, ist kein Scheitern. Er ist ein Organismus, der wächst.

Lange habe ich versucht, diese Website anschlussfähig zu machen. Den sanften Übergang zu meinen Dienstleistungen, den professionellen Steckbrief, die strategische Selbstdarstellung. Immer wieder bin ich dort gelandet: beim Signaling, beim Optimieren, beim Funnel. Es hat nie funktioniert, weil es nie ich war. Irgendwann habe ich begriffen, dass die Frage „Was werden die Leute denken?“ genau das Gift ist, das die Texte tötet, die ich eigentlich schreiben will. Ich beobachte mich dabei, wie ich diese Brücken immer wieder niederbrenne – und wie sie sich über Nacht von selbst wieder aufbauen.

Nobody Cares. Das ist keine Gleichgültigkeit gegenüber dir. Das ist die Erkenntnis, die ich mir selbst schulde: Dass es mir egal sein muss, ob das hier konvertiert, anschlussfähig ist oder irgendeine Karriere befördert. Weil ich sonst wieder anfange, für den Algorithmus zu schreiben statt für die Sache.

Also: Du findest hier meine Feldnotizen und manchmal eine Geschichte. Und wenn du beim Lesen das Gefühl hast, dass etwas nicht stimmt – dass ich übertreibe, dass ich etwas übersehe, dass die Distanz zu groß ist –, dann ist das kein Fehler. Das ist eine Einladung zum Gespräch.