disputhek https://disputhek.de Forum für kritische Gesellschaftstheorie und Bildung Wed, 21 Jan 2026 18:32:25 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 https://disputhek.de/wp-content/uploads/2024/12/disput_logo-150x150.png disputhek https://disputhek.de 32 32 „Der Jordan fließt nicht mehr seit weit vom Iran“ | Redebeitrag Leipzig 17.01.2026 https://disputhek.de/der-jordan-fliesst-nicht-mehr-seit-weit-vom-iran-redebeitrag-leipzig-17-01-2026/ Wed, 21 Jan 2026 09:49:03 +0000 https://disputhek.de/?p=893 Der Jordan fließt nicht mehr sehr weit vom IranHerunterladen

Ende 1978 besuchte Michel Foucault den Ajatollah Khomeini in seinem Pariser Exil. In Artikeln im italienischen „Corriere della Sera“ und im französischen „Nouvel Observateur“ lobpreiste Foucault die „politische Spiritualität“ des Revolutionsführers und verschloss die Augen vor dem Antisemitismus und der Misogynie, die der Ajatollah schon damals offen propagierte und die einen Kern seines politischen Programms ausmachten. So erklärte Foucault: „Eines muß klar sein: Unter einem ‚islamischen Staat‘ versteht niemand im Iran ein politisches Regime, in dem der Klerus die Leitung übernähme oder den Rahmen setzte.“[1] Und weiter schwärmte er: „[W]ie stark würde Khomeinis ‚religiöse‘ Bewegung werden, wenn sie sich die Befreiung Palästinas zum Ziel setzte? Der Jordan fließt nicht mehr sehr weit vom Iran.“[2]

Schon damals mahnte die persische Feministin Atoussa H. in einem Leserbrief, Foucault solle sich auch mal den Inhalt dieser „politischen Spiritualität“ anschauen: „Wir haben es hier nicht mit einer spirituellen Parabel zu tun, sondern mit einer Entscheidung, die die Gestalt von Gesellschaft betrifft, die wir wollen. Heute werden unverschleierte Frauen häufig beleidigt und selbst junge muslimische Männer verbergen nicht die Tatsache, daß in dem Regime, das sie wollen, Frauen sich benehmen sollten oder bestraft werden.“[3] Doch Foucault sah in ihrem Verweis nur den „jahrtausendealten Vorwurf des ‚Fanatismus‘.“[4] Kurz darauf – vor 47 Jahren und einem Tag am 16. Januar 1979 – floh der Schah und 2 Wochen später kam Khomeini nach Iran, um einen „islamischen Staat“ zu errichten, in dem sehr wohl „der Klerus die Leitung übernimmt“, unverschleierte Frauen nicht nur beleidigt, sondern verprügelt werden – in Fällen wie dem der Mahsa Amini auch tödlich – und das sich die „Befreiung Palästinas“ zum obersten Ziel gesetzt hat. Es war dies der Startschuss – oder vielleicht auch nur ein Meilenstein – in der Entwicklung der neuen Linken zu Apologeten islamistischer Gewalt. Ihren prägnantesten Ausdruck findet sie heute in „Queers for Palestine“, einer Bewegung, die sich für die Situation von Queers unter der Herrschaft der Hamas genauso wenig interessiert wie damals schon Foucault für die Situation der Homosexuellen im islamischen Staat.

Heute wankt das Regime des Khomeini-Nachfolgers Khamenei. Proteste gegen das Regime erfassen alle Teile des Landes und alle Schichten der Bevölkerung. Das Regime reagiert mit einer bestialischen Härte; manche Schätzungen gehen von mindestens 12.000[5] innerhalb zweier Tage ermordeten Demonstrierenden aus. Aus dem Land dringen vereinzelt Bilder durch die Internetsperre, die mit Leichensäcken gefüllte Gerichtsmedizinsäle zeigen. Und die Foucault-Nachfolger machen sich gleich ans Werk. Auf der Seite „Progressive International“ – der Name spricht für sich – erklärt die ehemalige Yale-Dozentin Helyeh Doutaghi, warum das schon in Ordnung sei.[6] So sei die Polizei in „imperialen Ländern“ ein Instrument der Unterdrückung. Sie habe dies selbst erlebt, als die – natürlich vom israelischen Militär ausgebildete – Polizei Palästina-Camps auf dem Yale-Campus auflöste. Aber im Iran ist der berühmte „Kontext“ ein anderer. Der iranische Staat sei nämlich das Produkt einer Volksrevolution („popular revolution“) und andauernden Bedrohungen von außen ausgesetzt – ganz so, als würde nicht gerade der Iran dauernd seinen benachbarten Rivalen und vor allem Israel drohen und sie direkt oder indirekt angreifen. Wer sich an der Auflösung von Protestcamps mehr stört als am Abschlachten von Tausenden Demonstrierenden, dem oder der ist wirklich nicht zu helfen.

Doch nicht nur postmoderne Linke verklären diese Regime: hier und im Israelhass sind sie mit Rechten wie Tucker Carlson oder Maximilian Krah im Geiste vereint. Letzterer beschrieb die islamische Revolution von 78/79 als „Erwachen eines nichtwestlichen Modells“ und Aufstand gegen die „Verwestlichung des Landes“.[7] Worin besteht dieses angeblich „nichtwestliche Modell“, das von so unterschiedlichen Strömungen im Westen bewundert wird? Foucault berichtete über einen iranischen Schriftsteller: „Ich mußte ihn nicht einmal fragen, ob diese Religion, die entweder die Gläubigen zum Kampf aufruft oder der Gefallenen gedenkt, nicht zutiefst fasziniert vom Tod sei – vielleicht mit größerem Augenmerk auf das Martyrium als auf den Sieg.“ Foucault musste ihn nicht fragen, denn er meinte, die Antwort schon zu kennen: „Was euch Westler beschäftigt, ist der Tod.“[8] Foucaults imaginäres Gespräch ist sein eigenes Selbstgespräch und es verrät, dass es ihm und all den anderen Ajatollah-Freunden nie um die Gestalt der Gesellschaft oder der Religion im Iran ging; daher auch die haarsträubend falschen Beschreibungen. Es sind viel mehr die eigene Todessehnsucht und Zivilisationsmüdigkeit, die die Ajatollah-Freunde in der Begeisterung für den Islamismus und im Antisemitismus ausleben. Das wurde in ideologiekritischen Kreisen schon häufiger eruiert; doch warum ausgerechnet die Juden als Vertreter des Westens herhalten müssen, das fragen sich Ideologiekritiker allzu selten. Hier ist ein großer Nachholbedarf in der ideologiekritischen Antisemitismuskritik und vielleicht einer der Gründe dafür, dass sie in die Defensive geraten ist. Im (post-)christlichen Westen trifft diese Zivilisationsmüdigkeit in letzter Instanz die Juden, denn sie haben – so Horkheimer und Adorno in den „Elementen des Antisemitismus“ – „die Tabus in zivilisatorische Maxime verwandelt, da die anderen noch bei der Magie hielten. Den Juden schien gelungen, worum das Christentum vergebens sich mühte: die Entmächtigung der Magie vermöge ihrer eigenen Kraft. […] So gelten sie der fortgeschrittenen Zivilisation für zurückgeblieben und allzu weit voran, für ähnlich und unähnlich, für gescheit und dumm.“[9]

Abschließend bleibt uns bloß die bange Hoffnung auszusprechen, die iranische Protestbewegung möge endlich Erfolg haben und dem Regime der Ajatollahs den Garaus machen. Die Geschlechterapartheid, von der Foucault und die seinen in ihrer Begeisterung für die „politische Spiritualität“ nichts wissen wollen, wäre Teil einer gruseligen Vergangenheit und dass der Jordan nicht weit vom Iran fließt, wäre endlich keine Drohung mehr.


[1] Florian Ruttner, „Der Mythos des Radikalen. Der Verrat an Aufklärung, Vernunft und Individuum bei Georges Sorel, Georges Bataille und Michel Foucault,“ in: Alex Gruber/Philipp Lenhard (Hg.), „Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft“, Freiburg/Wien, 2006, S. 103.

[2] Ebd. S. 113

[3] Ebd. S. 107

[4] Ebd. S. 111

[5] https://www.iranintl.com/en/202601130145, Stand 14.01.2026

[6] https://progressive.international/blueprint/e57562a0-4dbd-479f-b77d-ed23bee16394-irans-indigenous-labor-movement-and-working-class-sovereignty/en/

[7] Nach https://www.nzz.ch/feuilleton/ayatollah-khomeini-betoerte-westliche-politiker-und-intellektuelle-bis-heute-verklaeren-linke-und-rechte-ideologen-sein-terrorregime-ld.1889490

[8] Beide nach Ruttner 2006, S. 106. Herv. i. O.

[9] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, „Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente,“ Frankfurt am Main, 1988, S. 195.

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„Ein Antizionist, das ist ein Humanist“ Bemerkungen zu einer Rede einiger Genossen von alea | Ein Text von Viktor R. https://disputhek.de/ein-antizionist-das-ist-ein-humanist-kritik-an-einer-rede-einiger-genossen-von-alea-ein-text-von-viktor-r/ Tue, 06 Jan 2026 09:48:18 +0000 https://disputhek.de/?p=859 Ein Antizionist, das ist ein HumanistHerunterladen

Am 9. November hielten „einige Genossen von alea“ einen Redebeitrag auf einer Gedenkkundgebung zum Jahrestag des Novemberpogroms. [1] Im Wesentlichen besagt ihr Beitrag, dass Antisemitismus und Antizionismus tatsächlich zwei verschiedene (wenn auch ähnliche) Paar Schuhe sind und es deshalb zu nichts führt, Antizionisten als Antisemiten betiteln zu wollen. Das meinen die Redner nicht, um den Antizionismus zu verteidigen, sondern um ihn als eine eigenständige Erscheinung zu kritisieren. Erstmal ist anzuerkennen, dass der Beitrag versucht, die Antizionismus-Kritik weiterzutreiben, anstatt ideologiekritische Allgemeinplätze wiederzukäuen. In der Tat machen es sich einige zu einfach, wenn sie den Antizionismus schlichtweg als Antisemitismus mit Rebranding begreifen. Demgegenüber berühren die Genossen einige wichtige Widersprüche, lösen sie aber leider undialektisch auf.

Der Beitrag ruft zuerst die Karriere der Bezeichnung „Antisemitismus“ in Erinnerung. Diese begann als eine mit Stolz verwendete Selbstzuschreibung, die den Träger von religiösen Feindseligkeiten abgrenzen sollten. „Antisemit, das war jemand, der gegen die Juden aufgrund ihrer Rasse vorging, nicht aufgrund ihres Glaubens. Ein Antisemit, so dachte [der bekennende Antisemit Theodor Fritsch], war eben auch ein Humanist, kein Barbar.“ Erst nach dem zweiten Weltkrieg führte der Schrecken über die Schoah dazu, dass „Antisemitismus“ als Selbstbezeichnung in Verruf geraten ist. Heute bekennt sich fast niemand mehr dazu.

Diese vermeintliche Unschuld, die der Titel „Antisemit“ für den „Antisemiten“ vor 1945 hatte, hat heute der Titel „Antizionist“ für den, der sich so bezeichnet. „Ein Antizionist, das ist eben kein Barbar; ein Antizionist, das ist ein Humanist. Ein Antizionist ist gern Antizionist, und er wählt diesen Titel für sich selbst.“ Mit diesem Titel will er sich von rassistisch oder religiös motivierte Judenhass abgrenzen. Obwohl die Redner hier eine Parallele zwischen beiden zu Tage fördern, raten sie nun vom Versuch ab, Antizionisten des Antisemitismus zu überführen – denn dieser Versuch stieße bei ihnen auf taube Ohren. Die Redner stellen richtig fest, dass die Diskussion darüber letztlich in eine „Auseinandersetzung über Diskurshoheit“ mündet; die Debatte über die IHRA- vs. die JDA-Definition liefert dafür einiges an Anschauungsmaterial. Aber solche Uneinsichtigkeit kann kaum als Begründung für eine Differenz von Antisemitismus und Antizionismus herhalten. Jedenfalls hält sie die Redner nicht davon ab, Rechtspopulisten als „Neofaschisten“ zu betiteln, obwohl diese die Bezeichnung in der Regel ebenfalls entrüstet von sich weisen. (Außer Trump, bei ihm löst die Bezeichnung nicht einmal Entrüstung, sondern nur noch Belustigung aus, wie beim Treffen mit Zohran Mamdani im Weißen Haus letztens zu sehen war. Aber das nur am Rande.)

Einen augenscheinlichen Unterschied zwischen Antisemiten und Antizionisten benennen die Genossen, wenn sie „anerkennen: Juden, die Israel hassen, die den Zionismus ebenfalls für so etwas wie den Faschismus halten, werden unter den Antizionisten nicht drangsaliert, sondern im Gegenteil: Sie werden präsentiert wie etwas Besonderes, wie ein Beweis für die Größe des eigenen Handelns.“ Implizit kontrastieren die Redner Antizionisten so von Antisemiten, die nach gängigem Verständnis auf jeden Juden zielen, so wie die Nazis jeden Juden verfolgten, unabhängig von seiner Weltanschauung oder seiner religiösen oder nationalen Identität. In der Hinsicht scheint der Antizionismus in der Tat dem religiösen Antijudaismus ähnlicher zu sein, der Juden die Möglichkeit zur Konversion lässt. Doch dieser Unterschied bröckelt bei genauerer Betrachtung. Schon für den Antisemitismus wäre zu fragen, ob wirklich alle antisemitischen Ideologen des 19. und 20. Jahrhunderts, das Programm so schonungslos durchzogen wie die Nazis. Das lässt sich erahnen, wenn Hitler gegen „gefühlsmäßige“ Antisemiten, die Ausnahmen machen, seinen „Antisemitismus der Vernunft“ in Stellung bringt. So oder so geht für den Antijudaismus die umgekehrte Diagnose nicht auf: Auf die häufig unter mehr oder weniger offenem Zwang vollzogene Massenkonversion von Juden im Spanien des 14. und 15. Jahrhunderts folgte bekanntlich die Doktrin der „limpieza de sangre“ und die Inquisition nach Krypto-Juden. Und auch jüdische Antizionisten werden weiterhin von Antizionisten „drangsaliert“. Zwei Beispiele aus den letzten Wochen: Der Aktivist Laith Marouf erklärt, dass er niemals neben einem Juden auf einer Plattform auftreten würde und dass die einzige akzeptable Rolle für jüdische Antizionisten darin bestünde, „nachzuplappern“, was Palästinenser vorgeben. [2] Der bekannte jüdische Antizionist Peter Beinart fand sich in einem Shitstorm von antizionistischer Seite wieder, weil er an der Universität in Tel Aviv vorgetragen hat. [3] In entsprechenden Kommentaren zu beiden Fällen sind jüdische Antizionisten schon nicht mehr „Beweis für die eigene Größe“, sondern scheinheilige Heuchler.

Worauf diese Auflistung von Beispielen hindeutet: Allen Arten des Judenhasses (in welchem Verhältnis zueinander auch immer man sie einordnen mag) scheint ein paranoides Element eigen zu sein, das jedem Juden und „Verjudeten“ früher oder später misstraut. Wenn die Beseitigung der „schlechten Juden“ nicht die erwartete Erlösung bringt, muss dieser Personenkreis erweitert werden. Wenn Juden als minderwertige Rasse, in Bezug aufs Johannesevangelium (8, 44) als „Kinder des Teufels“ oder als „privilegierte Weiße“ verstanden werden, ist die tatsächliche Weltanschauung jüdischer Individuen letztlich egal. (Zu argumentieren, dass Juden keine „privilegierten Weißen“ sind, wie es einige wohlmeinende „intersektionale“ Antisemitismuskritiker versuchen, ist nebenbei bemerkt in etwa so sinnvoll, wie zu argumentieren, dass sie keine „Kinder des Teufels“ sind.)

Kommen wir also zu dem Kernabsatz, in dem die Genossen Antisemitismus und Antizionismus bestimmen. Hier wird der Redebeitrag verworren, aber die Grundidee scheint zu sein, dass Antisemitismus regressiver Antikapitalismus in Zeiten der Durchsetzung der westlichen bürgerlichen Gesellschaft, während Antizionismus antiemanzipatorischer Antikapitalismus in Zeiten ihrer Auflösung ist: „Für den Antisemiten war der Jude schuld am ausufernden Zwang des gesellschaftlichen Prozesses, für all das Elend, das dabei war, die Welt zu verschlingen. […] Antizionisten sehnen den Untergang der alten Ordnung herbei.“ In dieser durch den Bruch vermittelten Kontinuität betonen die Genossen nun den Bruch: „Deswegen erscheint [den Antizionisten] der Angriff der Hamas als Befreiung. Nicht weil Juden dort niedergemetzelt wurden, sondern weil der Kampf gegen die Aufrechterhalter des Alten, des vergehenden gesellschaftlichen Zwangs begonnen hat. […] Zionist ist das Wort geworden für Vertreter der westlichen bürgerlichen Gesellschaft, für Menschen, die diese erhalten wollen.“

Die entscheidende Frage, die sich die Genossen aber nicht stellen, ist, wieso ausgerechnet jüdische Zionisten die Vertreter der westlichen, d.h. christlich geprägten, bürgerlichen Gesellschaft sein sollen. Zwar wären die Gräueltaten vom 7. Oktober 2023 nicht weniger verurteilenswert gewesen, hätten sie ausschließlich Nichtjuden getroffen. Doch ist die Tatsache, dass sie eben in erster Linie Juden getroffen haben, der Grund dafür, dass sie erfolgt sind – und vor allem dafür, dass so viele, die sonst ihren Humanismus vor sich hertragen, diesen Angriff bis heute leugnen, relativieren, rechtfertigen oder gar explizit gutheißen.


[1] https://www.alea-le.org/dokumentation/redebeitrag-einiger-genossen-von-alea-zum-9-11/ [Offensichtliche sprachliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert]

[2] https://www.jns.org/the-unflinching-reality-facing-jewish-opponents-of-zionism/

[3] https://www.jns.org/peter-beinart-pummeled-and-purged/

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Warum eine Bibliothek? – Nachschlag zur Eröffnung der disputhek https://disputhek.de/warum-eine-bibliothek-nachschlag-zur-eroeffnung-der-disputhek/ Sat, 29 Nov 2025 17:36:13 +0000 https://disputhek.de/?p=826

Der audio-visuelle Input „Wir packen unsere Bibliothek aus“ von kssndrswk gibt keine Antwort auf die Frage “Warum eine Bibliothek?”, sondern lässt Bilder und Erinnerungen entlang eines Textes von Walter Benjamin vorbeiziehen. Er dreht sich in assoziativer Weise um die Frage, wie aus Einzelnen ein Ganzes, wie aus Büchern eine Bibliothek wird. Der Blick schweift ab auf Bleisatz, Papiermaschinen und Getriebe; die Gedanken auf die Schrullen echter Sammler und in die Benjaminsche auratische Ferne; und auf verfehlte Formen. – Mit der Eröffnung der disputhek ist die Frage nach dem Verhältnis unserer Bücher zum Format Bibliothek nicht schon hinter den Kulissen vollständig geklärt – wir sind aktuell mitten im Sortieren, die Katalogisierung noch ausstehend. Tatsächlich: Wir packen unsere Bibliothek gerade erst aus. Der Input versucht dieses Moment einer Bibliothek, das “der aufgebrochenen Kisten, der von Holzstaub erfüllten Luft” und das noch nicht “von der leisen Langeweile der Ordnung” Umwitterte einzufangen und die Gedanken, Vorstellungen und Ideen ein wenig ins Tanzen zu bringen.

Kommentar von
Minze Maraffa

Die Dialektik von Ordnung und Unordnung

Vielen Dank erst einmal dir kssndrswk, für diesen Film. Weil es ein Film und kein Vortrag ist, fordert mich das Kommentieren heraus. Immerhin gibt es ein Kunstwerk, was nicht zur Gänze sprachlich fassbar ist, was in mir zwar etwas auslöst, in euch allen aber vielleicht etwas anderes. Deshalb behalte ich meine Interpretationen fürs erste für mich und nutze dein Werk als Inspiration, um eine Figur, die in dem Text von Benjamin aufgetaucht ist, noch einmal genauer darzustellen.

Wir haben uns für diesen zweiten inhaltlichen Teil für die Frage „Warum eine Bibliothek?“ entschieden, weil die Disputhek ein ganz zentrales Projekt des Disput e.V. ist und gerade im letzten Jahr unsere meiste Energie hier hineingeflossen ist. Doch sind wir kein Verein, der eine Sammlung erstellen möchte, uns – oder zumindest mir – geht es nicht in erster Linie um das Exemplar, sondern um den Raum. Es ist ein Raum zum Denken und ein Raum zum Diskutieren. Ein Raum zwischen Uniseminaren und Politik. Ein Raum zwischen und in sächsischen Verhältnissen. Die Bücher, in ihrem Regalen, Rahmen diesen Raum ein.

Was macht nun diesen durch die Bücher eingerahmten Raum aus? Die Bücher sind großteils aus Joachim Bruhns Privatsammlung. In der Platzierung, in den Notizen und im Einband versteckten Zeitungsartikeln ist Bruhns Denken vergegenständlicht. Doch darüber hinaus sind die Bücher selbst schon Vergegenständlichungen der Gedanken von Autor:innen der letzten Einhundert Jahre und weit darüber hinaus bis in die Antike zurück. Und schließlich haben wir als Verein die Regale beräumt und sortieren gerade immer weiter, geben der räumlichen Beziehung der Bücher eine inhaltliche Bestimmung. Die Bibliothek, Der von den Büchern gerahmte Raum, bildet durch diese dreifache Vergegenständlichung eine Ordnung ab. Die Ordnung des vergegenständlichten Gedankens der Autor:innen in den Texten, Bruhns mit den Büchern, und des Vereins in der Sortierung.

Diese Ordnung ist jedoch zugleich eine Unordnung.

Wahrscheinlich jede von euch hat schon einmal ein Buch gelesen. Und wahrscheinlich wird auch jede die Erfahrung gemacht haben, dass wenn ihr gefragt werdet, was denn der ‚Inhalt‘ des Buches sei, dieser sich nicht so leicht, nicht so ordentlich preisgeben lässt. Ein Buch zu lesen ist eben auch eine Erfahrung, die sich nicht auf eine Kernthese reduzieren lässt. Die besten Bücher, die ich je gelesen habe, sind die, wo ich danach nicht genau wusste, was die Autor:in mir sagen will. Stattdessen war ich vor allem verwirrt und hatte vor Schwindel ein bisschen Kopfschmerzen. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass ich gerade Antworten gefunden habe. Die Ordnung des Buches ist zwar textlich, es folgt die Einleitung auf das Inhaltsverzeichnis, Absatz auf Absatz, Argument auf Argument. Gedanklich stecken in den Büchern aber, zumindest den Anspruch nach eine Lebendigkeit, welche sich nicht ordentlich vergegenständlichen lässt, welche nur durch die Praxis des Lesens hervortreten kann und jede Leseerfahrung zu einer Besonderen macht.

Und genauso lässt sich auch Bruhns Denken in dieser Bibliothek nicht konserviert vorfinden. Es gibt Wörter und Linien am Rand von Texten, oder auch Bücher, die so aussehen, als ob Bruhn sie zwar besitzen wollte, nicht aber lesen. Doch Bruhns Modus war die Kritik, das heißt die Abarbeitung am jeweiligen Gegenstand, meist in der Form des Essays. Als diese lebendige Form kann das Denken Bruhns zwar erahnt, nicht jedoch in der Ordnung der Bibliothek vorgefunden werden.

Und schließlich ist auch die Sortierung keine ordentliche Sache. Immerhin stecken wir mittendrin. Nun könnte man sagen, dass wir einfach noch nicht fertig sind. Doch was würde es bedeuten, fertig sortiert zu haben? Für jedes Buch die perfekte Kategorie, den perfekten Oberbegriff, einen klaren Nachbar gefunden zu haben? Die Verortung eines Buches kann nie vollständig die Erfahrung darstellen, welche die Leser:in an ihm machen kann. Eine Ordnung der Bücher in ihrer Beziehung zwischen ihnen kann immer nur defizitär, immer nur instabil und für den Moment bestehen.

Die Bibliothek als dreifache Vergegenständlichung der Autor:innen, Bruhns und des Vereins erschafft also eine Ordnung, welche zugleich eine Unordnung ist. Dies ist, wovon Benjamin in seinem hier filmisch dargestellten Text spricht, wenn er die „Dialektik zwischen größer Ordnung und größter Unordnung“ sagt. Dies ist, so möchte ich in meinen abschließenden Worten argumentieren, auch der Grund, warum sich eine Bibliothek hervorragend eignet, die Ziele unseres Arbeitszusammenhangs zu verräumlichen.

In Zeiten von Polarisierung, Angst vor faschistischen Verhältnissen und Angriffen auf Politiker:innen; kurz, wenn es aus linker Perspektive ganz schnell ganz viel ganz anders braucht, Dann ist die leichte Antwort auf die schwere Frage manchmal subjektiv lebensnotwendig. Die Folge: für die Hoffnung auf das emanzipatorische Projekt, die Hoffnung, dass nicht alles scheiße ist und scheiße bleiben muss, wird ein Opfer gefordert. Willst du Hoffen können musst du deine Zeit opfern, dich anstrengen. Du musst deine Ängste opfern und konsequent handeln. Mutig sein. Du musst deine Zweifel opfern. Jetzt gelte es nicht zu spalten, sondern zusammenzustehen, damit wir schnell viel anders machen können. In dieser linken Opferpraxis sind die Menschen defizitär, denn wären die Menschen schon anders, hätten sie mehr geopfert, fleißiger geopfert, reflektierter geopfert, effizienter geopfert, dann wäre die befreite Gesellschaft schon erreicht. Darum müssen alle anderen, die, die nicht opfern wollen, zu Feinden, Idioten, Hassobjekten werden. Das Einzige, was nicht defizitär ist, ist die Hoffnung auf die befreite Gesellschaft, der das Opfer gilt. Doch wird die befreite Gesellschaft nicht wahrer, weil sie plausibler wird, sondern sie muss wahrer werden, weil das Eingeständnis, dass dieses emanzipatorische Projekt vielleicht doch keine Erlösung bietet, die vergangenen Opfer für sinnlos erklärt, die Gewalt gegen sich und andere nachträglich einem Zweck entzieht.

Wenns brennt, klammern wir uns an der Hoffnung, dass wir das Feuer löschen könnten, um irgendwann ins Paradies einzutreten. Je größer der Brand, um so größer müssen wir uns die Antworten auf den Brand halluzinieren. Und die Bibliothek bietet dieser Suche nach Antworten ihr Material. Wer Orientierung sucht, kann sich hier Orientieren. Wer Ordnung sucht, findet eine Ordnung vor. Nicht jedoch, ohne diese Ordnung als Unordnung zu erleben. Nicht jedoch, ohne dass in der Erfahrung der Unordnung in der Ordnung der Bibliothek eine Langsamkeit einführt, die die Unordnung der Welt selbst erfahrbarer, ja auch aushaltbarer macht.

Um zum Schluss zu kommen. Die Bücher spannen einen Raum der geordneten Unordnung, der ungeordneten Ordnung. In diesem Raum kann hier und heute, wo die politische Linke vor allem aus Enge und Handlungsdruck heraus agieren muss, Platz entstehen, indem nicht nur die Fragen der jeweiligen Benutzer:innen ihre Antworten finden können, sondern wo vor allem auch der Raum entsteht, dass sich die Fragen und die Benutzer:innen darin selbst verändern können. Doch möchte ich hier abschließend die Betonung auf das Können legen. Egal wie gut geeignet der Raum zwischen den Büchern ist, am Ende hängt es von den Menschen ab, die dazwischen tätig sind.

Benjamin, Bibliothek, Barbarei, Büchersammeln, Befreiung…

Wir haben einen Ausschnitt aus der Geschichte der Buchproduktion gesehen und den von kssndrswk eingesprochenen Text „Ich packe meine Bibliothek aus“ (W. Benjamin) gehört. Gerne möchte ich auf den Beitrag fragmentarisch in drei Akten eingehen.

Wir haben eine Exposition, Höhepunkt, Katastrophe oder Lösung; die Steigerung und das retardierende Moment lasse ich aus Zeitgründen weg.

1. Akt: Exposition. Vom Dialog zum Büchersammeln

Für Sokrates war das Gespräch kein bloßes rhetorisches Mittel, sondern Ausdruck der Überzeugung, dass Wahrheit im gemeinsamen Denken entsteht. Die sokratische Methode der
Elenktik ist eine negative: es geht nicht darum, Wissen zu vermitteln, sondern Unwissenheit
bewusst zu machen, um Raum für echtes Denken zu schaffen.

Platon übernimmt die Form des kritischen Fragens: erst durch die Infragestellung von Meinungen kann man zur wahren Erkenntnis (episteme) gelangen.

Auch bei Aristoteles findet die Dialektik im Gespräch statt, konkret im Untersuchungsgespräch, bei dem aus der endoxa, das ist anerkannte Meinung, widerspruchsfrei für oder gegen eine Proposition argumentiert wird; es geht um die Führung des Disputs zur Übung und dem Einüben von topoi, die im Alltag und wissenschaftlichen Untersuchung behilflich sind, um den*die Gegenüber zu überzeugen.

Heute ist der dialogische Charakter aus der Akademie und linken Räumen verschwunden.
Es geht nicht mehr darum, gemeinsam Wahrheit zu erarbeiten, sondern entweder Statements rauszuhauen oder die eigenen Gedanken zu pushen. Das gilt auch für die Buchform: Bücher entstehen in dialogischer Auseinandersetzung, aber sie sind meistens als Monologe formuliert. Gesammelte Bücher, die in Regalen oder Clouds vor sich hin vegetieren, ohne Diskussion, ohne Bearbeitung, ohne ein Zerfleischen, leben nicht wirklich, sie sind tot. Gut, dass unsere Bücher nicht in einer Bibliothek, sondern der Disputhek stehen.

2. Akt: der Höhepunkt. Wir sammeln Bücher inmitten vom Trümmerhaufen der
Geschichte und reden über diese.

Wir hörten im Film Benjamins Aufsatz „Ich packe meine Bibliothek aus“. Die Frage, die ich
mir stelle, ist, was Benjamin uns für unsere heutige Zeit sagen kann. Es lassen sich vielfältige Paralleln zwischen dem verspielten, persönlichen, anekdotischen Bibliothekstext und dem philo-sophischen und sakral aufgeladenen geschichts-philosophischen Thesen ziehen. Für mich ist vor allem der Stillstand als Moment des Erkennens zentral.

In „Ich packe meine Bibliothek aus“ befinden wir uns in einem Moment des Stillstands – die Bücher sind (noch) nicht einsortiert, sie liegen offen da, rufen Erinnerungen wach. Sie befinden sich zwischen Ordnung und Unordnung. Der Sammler wird erst im Aussterben begriffen. Auch in den geschichtsphilosophischen Thesen ist der Stillstand wesentlich, den ich gerne mit dem Wandel der Sinnsetzung in der Moderne und dem Konzept der Regression verbinden möchte. Die Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft prägt ein neuer Geschichtsbegriff, mit welchem der Sinn nicht mehr von den vorherigen Generationen zyklisch den zukünftigen Generationen übergeben wird, sondern Sinn in der eigenen, selbstbewussten Tätigkeit
erschaffen wird. Die zentrale Veränderung, die die moderne Geschichte mit sich bringt, ist, dass die Bedeutung der Vergangenheit sich in Abhängigkeit von der Gegenwart ändert und dass die Gegenwart den eigenen Zwecken gemäß verändert werden kann. So ist Geschichte primär durch das Hier und Jetzt bedingt und wir müssen auf unseren
historischen Moment reflektieren. Die Zeit der Geschichte ist keine abstrakte und leere in der sich Ereignisse in einem Kontinuum aneinanderreihen. Das Narrativ einer überzeitlichen Geschichte ist selbst ein gesellschaftliches – wir leben in
moderner Geschichte und damit dem Zeitalter der unvollkommenen bürgerlichen Versprechen. Unser Zeitalter ist gekennzeichnet durch ein sehr diffus gewordenes Freiheitsversprechen der bewussten Organisation der Naturnotwendigkeiten, die mit den Revolutionen des Dritten Standes (Glorius Revolution, Amerikanische Revolution und Französiche Revolution) unmittelbar zum Ausdruck kamen und eine neue Wendung mit der total gewordenen kapitalistischen Produktionsweise und der Entstehung des europäischen Industrieproletariats erhält. Die bürgerlichen Subjekte beziehen sich zueinander nicht länger auf der Grundlage einer strikten Hierarchie, aufgrund traditioneller Werte, sie folgen keiner göttlichen Bestimmung, sondern sollen ihre Werte selbst, mit anderen setzen.

Doch die Versprechen der sich entwickelnden bürgerlichen Produktionsverhältnisse, in denen
alle durch Arbeit am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben sollen, geraten in einen Widerspruch mit dem technologischen Fortschritt. Die maschinelle Produktion und damit einhergehende Produktivitätssteigerung der Industrialisierung machen nicht die Arbeit, die Waren und den Wert, sondern die Arbeiter überflüssig: der Anteil der toten Arbeit am Wertverhältnis steigt, aber es ist immer noch die lebendige Arbeit, die Wert schafft: es kommt zur Verelendung und Arbeitslosigkeit bei
gleichzeitiger Kapitalakkumulation. So ist zentral, dass in dem widersprüchlich gewordenen Verhältnis von Produktionsverhältnissen und Produktionsmitteln, der sich im Klassenkonflikt von Kapital und Arbeit ausdrückt, nicht nur die Krise, sondern auch die „Linke“ entstand. Mitten in den dramatischen sozialen Veränderungen des 19. Jahrhundert prognostizierte Marx die fortschreitende Proletarisierung der Gesellschaft und intervenierte in die bestehenden Sozialismen kritisch, dass das Proletariat sich selbst aus diesem Zustand befreien
muss. Nach Marx ist „die Linke“ Teil des Kapitalverhältnisses und unterscheidet sich von „der
Rechten“ anhand des Bewusstseins ihres historischen Momentes der Entstehung und der
Reflexion der geschichtlichen Bedingungen und Möglichkeiten ihrer eigenen Aufhebung. Ihre Aufhebung bedeutet die Aufhebung der Klassenherrschaft und würde qualitativ eine
neue Stufe menschlichen Zusammenlebens einläuten.

Der Begriff der Regression, der Benjamin den Ruf eines pessimistischen Philosophen
verliehen hat, lädt dazu ein, die vergangenen Kämpfe, die auf eine bewusste Organisation der
Naturnotwendigkeiten hinzielten, zu erinnern.
Erinnern bedeutet nicht, sich in wiederholten Rhythmen in vergangene Ereignisse reinzuprojizieren, sondern das Verstehen der qualitativen Entwicklungsmomente und die damit
verbundenen Bewusstseinsformen, die wir in Geschichte als moderner durchgemacht haben
Es ist absurd, dass Benjamin die Thesen 1940, auf dem Höhepunkt des deutschen Faschismus,
als auch Stalinismus verfasste, trotz dieser vermeintlichen Unmöglichkeit an die Möglichkeit
eines emanzipativen Bruches glaubte und aufgrund dieses Glaubens in die sozialdemokratische
und stalinistische Linke intervenierte. Zwischen Benjamin und uns liegt das vollentwickelte Lagersystem, die Neue, sich ab den 50ern
entwickelnde Linke, der Zusammenbruch der UdSSR, die Wiedervereinigung und die Linke
der 2000er, in deren Kontinuität wir stehen. Wenn wir Wirklichkeit begreifen wollen, dann können wir Geschichte nicht ausblenden und wenn wir das tun, verstehen wir Geschichte nicht, sondern behandeln sie als reines Abstraktum. Vielmehr denke ich, müssen wir Wirklichkeit aus Geschichte und konkret aus der Geschichte „der Linken“ heraus verstehen, die ich als die treibende Kraft des 20. Jahrhunderts und uns als Kinder dieses Jahrhunderts begreife.

3. Akt: Katastrophe und Lösung. Bibliothek oder Barbarei?

Die zentrale Frage, die ich mir stelle, ist, was zu tun ist, wenn erstmal eine politische Reorganisation benötigt wird, bevor jegliche soziale Fragen der Reorganisation gestellt werden können. In weniger aufgeladenen Worten: man muss erstmal politische Macht haben, um das in dieser Gesellschaft angelegte revolutionäre Vermögen zu verwirklichen und so sozialem Leid und Missständen, die dieser Gesellschaft entspringen, wirklich begegnen zu können. Wie Freiheit als zum Bewusstsein gebrachte Organisation von Naturnotwendigkeit in bürgerlicher
Gesellschaft, die Rolle des Staates in der gegenwärtigen kapitalistischen Produktionsweise, die
gespaltene, konflikthafte psychodynamische Verfasstheit des schwachen Ichs und auf
Führeridentifikation gerichtete Massen zusammengenommen werden können, ist mir diffus und gerne würde ich diesen Fragen gemeinsam nachgehen.

Ferner frage ich mich:
Ist die Disputhek ein politisches Projekt? Ist es ein existenzialistisches? Ein akademisches? Ein Projekt zur Identitätsvergewisserung? Oder ist es Freizeit und Hobby?

Die Besonderheit der Bibliothek liegt darin, dass sie ein physischer Raum ist und in einem Dialog die Möglichkeit für Reflexion, für Vermittlung und für den Bruch mit vermeintlich überzeitlicher Geschichte ermöglicht. Die zentrale Herausforderung liegt darin, selbst nicht zu einem denkenden Ding zu verkommen, in welchem die objektiven Spannungen und Widersprüche einseitig aufgelöst werden. Theoretische Auseinandersetzung ist nicht der heilige Grahl und ohne ein selbstbewusstes
Subjekt, das Geschichte zum Bremsen bringt, muss Theorie genauso hinterfragt werden, wie
die akademische Linke und die Praxis sozialer Bewegungen. Luxemburg schreibt in „Sozialreform oder Revolution“ 1899, dass die Überführung der
Gesellschaft aus den kapitalistischen in die sozialistischen Formen die gewaltigste weltgeschichtliche Umwälzung darstellen würde. Ob uns das gelingt, ist sehr fraglich.

Was gewiss ist, dass in den hier stehenden Büchern von der Arbeiter*innenbewegung über Erkenntniskritik bis Hitlerbiografien genau diese gewaltigste weltgeschichtliche Umwälzung
vermittelt wird. Geschichtsphilosophische im Vergleich zur theoretischen Arbeit zeichnet aus, dass sie sowohl reflektiert, dass Philosophie sich mit dem entstandenen widersprüchlichen Freiheitsversprechen der bürgerlichen Gesellschaft radikal wandelte, sie drängt zu ihrer Verwirklichung, als auch realisiert, dass heute Theorie und Praxis auseinanderliegen und beide fälschlicherweise in einer arbeitsteiligen Form verstanden werden. Das Aufzeigen der Abwesenheit von Theorie und Praxis schafft die Möglichkeit ihrer revolutionären Vereinigung.

Kommentar von
Natalia Fomina

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Vom Klimastreik zur Intifada – Das antizionistische Erwachen der Generation Fridays for Future | Ein Text von Dalis Adaphe https://disputhek.de/vom-klimastreik-zur-intifada-das-antizionistische-erwachen-der-generation-fridays-for-future-ein-text-von-dalis-adaphe/ Fri, 10 Oct 2025 12:26:00 +0000 https://disputhek.de/?p=774 Vom Klimastreik zur IntifadaHerunterladen

„Der Islam ist eine Religion des Friedens und der Toleranz. […] Er ist die Religion, die ihren Anhängern den Wert vermittelt, sich gegen Aggressionen zu wehren und die Unterdrückten zu unterstützen; er motiviert sie, großzügig zu spenden und Opfer zu bringen, um ihre Würde, ihr Land, ihre Völker und ihre heiligen Stätten zu verteidigen.“

Charta der Hamas (2017)

„Fuck Germany! Fuck Israel!“

Greta Thunberg (2024)

„How do you keep on fighting when everything is lost? Ask a Palestinian. […] Things cannot go on like this: and they do. It is that experience, which can make a person want to blow herself up, that inspires the culture of sumud.“

Andreas Malm (2017)

„Crush Zionism!“

Greta Thunberg (2023)

„einen Europäer erschlagen heißt zwei Fliegen auf einmal treffen, nämlich gleichzeitig einen Unterdrücker und einen Unterdrückten aus der Welt schaffen.“

Jean-Paul Sartre (1961)

Die Klimabewegung hat den Gegenstand ihres Protests nie begriffen. Die Aktivisten sahen in den Nachrichten verstörende Fotos abgemagerter Eisbären, die auf unaufhaltsam schrumpfen­den Eisschollen festsaßen; sie hörten von untergehenden Inseln im Süd-Pazifik und der Desertifikation in der Subsahara; hoch emotionalisiert nahmen sie die naturwissenschaftlichen Erklärungen über CO2, Methan und andere Treibhausgase wissbegierig auf. Mit dem guten Gefühl, die Wissenschaft hinter sich zu wissen und im Brustton der Überzeugung klagten sie die Charaktermasken des bürgerlichen Staates an: Empathielosigkeit, Ahnungslosigkeit und Korruption, also buntscheckige individuelle Unzulänglichkeiten machten sie als wesentliche Ursachen aus, wieso der Staat die Bevölkerung nicht vor dem Klimawandel, d.h. sich selbst schützt. Wenn sie hochtrabend von System Change sprachen, so hatten sie dabei nicht mehr als eine diffuse Vorstellung von der Lebensweise in den kapitalistischen Zentren, die irgendwie enden müsse: Konsum, Kohlekraft und Industrie wurden ihnen zu Symbolen der Erderwärmung und damit der individuellen und kollektiven Schuld. Die Klimabewegung blieb damit systematisch unter dem Niveau ihres Gegenstandes. Sie musste scheitern und wurde trotz größtem Zuspruch aus beinahe allen politischen Lagern und haufenweise verbalen Zugeständnissen amtierender Spitzenpolitiker enttäuscht. Dieses Scheitern war von vornherein unvermeidlich. Allzu spät begriffen die Klimabewegten, dass ihre Demonstrationen zu Werbeflächen linksgrüner Parteien verkamen, die – einmal in Amt und Würden – nicht substanziell anders handeln würden als die CDU.

Was aber tun im Moment des Scheiterns? Resigniert den Rückzug in die eigenen vier Wände antreten? Augen zu und durch, also Weitermachen, als wäre nichts geschehen? Einige wenige, die sich als geschickte Organisatoren oder charismatische Redner hervortaten, nutzten ihren Klima-Aktivismus als Sprungbrett in die Berufspolitik. Die dafür nötigen Fähigkeiten (Organisieren, Predigen und die Massenseele anheizen) hatte man über die Jahre gelernt. Ob sie sich dabei nun vormachen, die Krise beenden zu können, oder nicht, ist objektiv unerheblich: ihre Pfründe ist gesichert. Zahlreiche andere ehemals Klimabewegte wählen wiederum einen vierten Ausweg, der ihnen gestattet, die Niederlage zu verdrängen: einen neuen politischen Kampf. Dass die Wahl dabei auf den Krieg Israels gegen die Hamas fällt, ist keineswegs zufällig.

Bereits Jahre vor ihrem Scheitern identifizierten sich die Klimabewegten mit „Völkern“ im globalen Süden, seien es die winzigen Bevölkerungen, die auf allmählich versinkenden Inseln ein tristes Dasein in Weltabgeschiedenheit zu fristen gewöhnt waren, seien es die Mashco Piro, die im peruanischen Amazonas-Regenwald mit nicht mehr als einem Lendenschurz bekleidet und Pfeil und Bogen bewaffnet den Holzfällern Widerstand leisten, oder seien es die Likan Antai, deren Wasserquellen vom Lithium-Abbau bedroht sind und die in ihren bunten Trachten so wunderbar naturverbunden und authentisch ausschauen. In derlei Bevölkerungen sahen die Klimaschützer die personifizierten Opfer der westlichen Lebensweise: dort machten sie Gemeinschaften statt Gesellschaften aus, man erfreute sich am Anblick technologischer Rückständigkeit, nahm bereitwillig Erzählungen über eine vermeintlich organische Naturverbundenheit auf. Diese „Völker“ versprachen, Teil der kapitalistischen Peripherie (und damit am Klimawandel weitgehend unschuldig) zu sein, ohne wiederum große Ambitionen zu hegen, diesen Umstand verändern zu wollen. Dass dies ohnehin ein auswegloses Unterfangen werden würde, steht auf einem anderen Blatt. Die „Indigenen“ galten den Klimaaktivisten schlechterdings als die Natur in Menschengestalt. Im Weltbild der Klimabewegung war der Westen dem globalen Süden das Glyphosat zum Bienenstock. Kurzum: bereits vor Jahren existierte in der Klimabewegung ein Kultus des kärglich Vor-Zivilisatorischen.

Diejenigen von ihnen, die sich nun als Kämpfer für die Sache der Palästinenser wiederfinden, müssen ihr Weltbild zu diesem Behuf nur geringfügig neu justieren – der Manichäismus bleibt derselbe. Klagen sie Israel an, so zielen sie damit auf das gleiche Feindbild wie zuvor: den als verbrecherisches Kollektiv imaginierten Westen, d.h. diejenige Gesellschaft, in der die Klimabewegung selbst ihr Zuhause hat.[1] Es ist ihnen diese das staatgewordene Grundübel, das Prinzip des Bösen in der Welt. Erneut halten sie sich nicht mit dem Versuch auf, zu begreifen, was vor sich geht: erblickten sie bereits im Klimawandel ein diffus-mörderisches Verhältnis zwischen West (oder Nord) und Süd, so stellt sich ihnen dieses nun noch etwas unmittelbarer dar: hier der (wahlweise koloniale oder imperiale oder einfach zionistische) Mörder, dort das Opfer. Entging den Klimaaktivisten einst das Kapitalverhältnis und die materiale Heteronomie des Staates, so haben sie heute ein vollends entstelltes Verständnis des sog. Nahostkonflikts. Die dem historischen Stand der gesellschaftlichen Verhältnisse angemessene Politikform ist das Spektakel der Moral, welches sie beherrschen wie die Gleichaltrigen das kleine Einmaleins.

Wie einstmals äthiopische Kinder mit Hungerbäuchen oder Polynesier, denen das Wasser bereits bis zu den Hüften reicht, bieten heute die Palästinenser ein Identifikationsangebot für alle, die sich nach unbefleckten, reinen Opfern sehnen, als die man sich selbst insgeheim auch versteht. So schallte es schließlich auf hunderten Fridays for Future Demonstrationen: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ – was nicht mehr heißen kann als: ihr (die Politiker, Autofahrer und Babyboomer – wer genau ist im Grunde egal) ermordet uns (die Kinder, die es besser wissen). Einen solchen Opferstatus zu ergattern, war primäres Anliegen der „Flottille“, mit welcher Greta Thunberg und andere Influencer im Juni 2025 in Richtung Gaza schipperten. Wer eine Seeblockade zu durchbrechen gedenkt, der wird daran gehindert werden – für so viel Weitsicht bedarf es keines Studiums der internationalen Beziehungen. Als das mit winzigen Mengen an Hilfsgütern und also nur symbolisch beladene Bötchen dergestalt in Richtung Israel eskortiert wurde, prahlte Thunberg, dass sie nun auch endlich Opfer Israels wurde: „Das Kapern eines Bootes in internationalen Gewässern und die gegen unseren Willen erfolgte Verbringung nach Israel ist technisch gesehen eine Entführung.“ Das ist (nicht nur „technisch“ gesehen) falsch, bricht der Inszenierung aber keinen Zacken aus der Krone.

Und so startete kurz darauf eine zweite mit noch mehr Influencern und noch weniger Hilfsgütern beladene Flottille in Richtung Gaza. Als die Boote vor dem Hafen des tunesischen Küstenstädtchens Sidi Bou Said ankerten, fielen zwei brennende, bis heute nicht identifizierte Objekte vom Himmel und trafen zwei der Boote. Zwar brachen nur mickrige Feuer aus, die schnell gelöscht werden konnten, doch für die Aktivisten stand naturgemäß fest, wer hier seine Hände im Spiel hatte. Israel sollte es sein und selbstredend habe es sich um nicht weniger als einen Drohnenangriff gehandelt. Greta Thunberg, die in Fragen der Propaganda noch etwas geübter ist als ihre Mitstreiter, sprach ihrerseits sogar von einer Bombe. Dass eine solche mehr als ein kleines Feuer zur Folge hätte, mag ihr bekannt sein, doch Propaganda zielt nicht auf Wahrheit, sondern auf Schlagzeilen. In ihren feuchten Träumen erleiden die Aktivisten an Bord dergestalt das gleiche Schicksal wie die Kinder Palästinas. Diese Identifikation mit den Palästinensern fand ihren vorläufigen Höhepunkt in der imaginierten Verschmelzung. Stellvertretend für das gesamte Spektakel ließ die Berliner Berufspalästinenserin und Freizeitmatrosin Yasemin Acar ihre Follower wissen: „This is an attack against Gaza!“ Mit anderen Worten: Gaza, das sind wir!

Während die einstigen Identifikationsobjekte, die Bewohner Tuvalus etwa, lediglich in Person ihres Außenministers Simon Kofe bei Weltklimakonferenzen in dem Wissen um die Ausweglosigkeit ihrer Lage ihr Leid klagen konnten, verfügt die Führung der Palästinenser über reichlich Waffen und den erklärten Willen, von ihnen Gebrauch zu machen. Am 7. Oktober fielen Hamas, Islamischer Djihad und Teile der palästinensischen Zivilbevölkerung über Israel her, um so viele Juden zu ermorden, wie irgend möglich – oder wie es im islamo-gauchistischen Jargon heißt: „sich zur Wehr zu setzen.“ Es war dies der Augenblick, in dem die Klimaaktivisten ihre Liebe für die Palästinenser entdeckten. Einige von ihnen mögen am 7. Oktober eine Ersatzbefriedigung für ihre eigenen, womöglich aus der politischen Niederlage gespeisten, verdrängten Mordgelüste gefunden haben. Fleißig posteten sie bereits am Tage des Massakers Share-Pics mit Fallschirmspringern, welche die Schlächter des Nova Festivals symbolisierten. Vordenker der Klimaintifada und Humanökologe Andreas Malm fragte in Bezug auf den vernichtungsantisemitischen Feldzug des 7. Oktobers offenherzig: „How could we not scream with astonishment and joy?“

Andere warteten immerhin, bis Israel militärisch reagierte, um in Gaza das – zumindest weitgehend – schuldlose Opfer zu erblicken. Sie müssen den 7. Oktober verdrängen oder gleich (selbstredend mit freundlicher Unterstützung zahlreicher postmodern-antisemitisch gesinnter Geisteswissenschaftler) als antikolonialen Widerstandsakt rationalisieren, über den schließlich nicht urteilen dürfe, wer selbst kein Teil der Unterdrückten ist. In diesem Aspekt lernt die Linke partout nicht dazu, zu verheißungsvoll ist das definitorische Gütesiegel. Dahinter mag mitunter auch die wie erwähnt bereits Fridays for Future eigentümliche rassistische und in ihrer Konsequenz antisemitische Scheidung von Völkern der Natur und Gesellschaften der Industrie stehen: die Hamas erscheint als strafende Natur, für welche die zivilisatorischen Maßstäbe schlichtweg keine Geltung beanspruchen können. Vielmehr sei der 7. Oktober die Naturreaktion auf israelisches Staatshandeln und insofern allenfalls Israel selbst anzulasten. Auch hier befleißigt sich Andreas Malm, der aus seiner Begeisterung für die Hamas keinen Hehl macht, als Vortänzer. Er erkennt in den Palästinensern die Repräsentanten der Natur, welche sich legitimerweise mit allen Mitteln gegen die lebensfeindliche, künstliche Welt der Technologie, d.h. den von Israel verkörperten (siedler-) kolonialen, imperialistischen, fossilen Kapitalismus – mit anderen Worten: die Moderne selbst zur Wehr setzen, die zur Apokalypse tendiere: „Palestine provides a human vantage point for seeing the truth about capitalist modernity known to most non-human life forms. It’s just one damn nakba after another.“ Für Malm und seine Jünger tagt in Gaza damit das jüngste Gericht. Sein erlösungsantisemitisches Pamphlet heißt folgerichtig: The Destruction of Palestine Is the Destruction of the Earth.

Was die einstigen Klimaaktivisten in der Identifikation mit den Palästinensern an Israel bekämpfen, ist also das bereits im Klimastreik kultivierte diffuse Schuldgefühl als Teil der westlichen Gesellschaft; ein Unbehagen an der Moderne, welches sich an ihren Destruktivmomenten entzündet. Angesichts dieser verdammen sie die Moderne in Verkennung des Umstandes, dass erst diese die Möglichkeitsbedingungen einer befreiten Gesellschaft hervorbrachte. Nicht um die bestimmte, sondern um die abstrakte Negation dieser Gesellschaft geht es ihnen: zurück zum status quo ante, wie sie ihn in den Völkern des globalen Südens zu erkennen glauben. Aus dem bereits zu Zeiten von Fridays for Future notorischen Unverständnis der daher personifiziert angeklagten kapitalistischen Verhältnisse, speist sich eine Empfänglichkeit für antisemitische Topoi: in Israel und den USA machen die Aktivisten das Zentrum des Kapitalismus aus, welches sich einem Kraken ähnlich über den Globus zu erstrecken anschickt, um die Natur und die Palästinenser zu unterjochen. Rufen die Aktivisten „Palestine will set us free“, so sprechen sie damit die Wahrheit über sich selbst aus: in der Identifikation mit den Palästinensern Gazas finden sie eine Entlastung für ihr quälendes Schuldgefühl.


[1] Es handelt sich dabei (und auch in der Feindmarkierung) nicht allgemein um kapitalistische Zentren, sondern spezifisch um westliche Gesellschaften. Weder in den ehemaligen Tigerstaaten noch in China oder Indien ist eine Klimabewegung vergleichbarer Größe entstanden wie in Europa und den USA.

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Beiträge zur Frage „Warum kritische Theorie?“ https://disputhek.de/zur-frage-warum-kritische-theorie-beitraege-der-disputhek-eroeffnung/ Fri, 16 May 2025 15:10:21 +0000 https://disputhek.de/?p=576 Die Eröffnung der disputhek wurde von kurzen Vorträgen und Kommentaren begleitet, welche die Fragen „Warum kritische Theorie?“ und „Warum eine Bibliothek?“ diskutierten. Jene zur ersten Frage können an dieser Stelle nachgelesen werden.

Diskussionsbeitrag:

Die Frage „Warum Kritische Theorie“ scheint einerseits sehr einfach zu beantworten zu sein, mit einem schlichten: weil es nötig ist. Oder, um es ausführlicher zu machen, vielleicht auch eher das „weil es nötig ist“, in seiner Nachdrücklichkeit zu bestimmen, ist auf den kategorischen Imperativ von Marx und Adorno zu verweisen. Die da lauten: „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ – so Marx. Und Adorno formulierte: „Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“

Das klingt jetzt erst mal eingängig und nachvollziehbar, doch, so wie ich das sehe, sind wir weit davon entfernt, das Leben diesen Imperativen folgend, bewusst zu gestalten, wenn sie denn überhaupt noch sich Geltung im Bewusstsein verschaffen können. Denn dieser Schlichtheit, dieses leicht über die Lippen gehende, entspringend der Antwort „weil es nötig ist“, ist andererseits beigestellt, das es im emphatisch Sinne kaum noch einen Ort hat. Nicht zufällig klingt dabei etwas von Brecht an: Er ist das Einfache das schwer zu machen ist. Denn um das „Er“ muss es gehen, wenn von Kritischer Theorie gesprochen wird, wenigstens, wenn wir uns in diesen Räumlichkeiten aufhalten, setze ich das als Triebkraft des Denkens voraus. Das dies nicht mehr generell so vorauszusetzen ist, ist ein Elend dessen, was heute an den Universitäten unter dem Nenner kritische Theorie subsumiert wird. Mit dem von Soziologen beschworen Ende der großen Erzählung hat sich Gesellschaftstheorie eigentlich ja eh erübrigt.

Deshalb ist mein Anliegen heute zu versuchen, auszuloten und keinesfalls positiv zu benennen, was als Kritik noch eine Intervention sein kann, wenn das „er“ den Horizont des Denkens bildet.

Dafür möchte ich einen zentrale Punkt von Bruhn und der ISF aufnehmen, der sich auf die Frage von Theorie und davon abgrenzend Kritik bezieht. Es wird darauf verwiesen, dass das Bestreben zu theoretisieren, der kapitalen Synthesis entspringt – zwanghafte Einheit bilden – und versucht dem Irrationalen etwas rationales anzudichten. Dieser Gedanke soll im folgenden die Ausführungen leiten und den Rahmen abstecken, in dem ich über die Frage „Warum kritische Theorie“ nachdenken werden.

Alles Theoretisieren zielt auf Nachvollziehbarkeit durch Vernunft und dichtet der repressiven Synthese durch das Kapital eben diese Vernunft an. Damit wird, so scheint es mir, bereits immer auf eine Massenbewegung geschielt, die sich durch die dem Einzelnen eigene Vernunft und deshalb auch anzueignen Nachvollziehbarkeit, doch herausbilden müsste. Das Falsche des Ganzen lässt sich erklären und dadurch lassen sich die Menschen von der logischen Notwendigkeit zu handeln überzeugen, wenn wir nur an die Vernunft appellieren – so scheint es die Vorstellung zu sein. Im Theoretisieren, welches der Tendenz nach zur Theorie drängt, die sich zum System schließt, wiederholt sich die Schwächung des Einzelnen, auf den es jedoch ankommen würde, wenn eine Gesellschaft entsprechend der Bedürfnisse hervorgebracht werden soll. Das schwache Ich, Resultat der Verhältnisse, sollte gestärkt werden, anstatt es nochmal in seiner Bewusstlosigkeit zu bestätigen und ihm eine vermeintlich fertige Wahrheit hinzuwerfen, so wie es sich in der Person des Theoretikers vollzieht, der meint, das Kapitalverhältnis verstanden zu haben.

Es hat etwas von dem Pfarrer, der von der Kanzel den Massen zuruft, was denn ihr Leben ausmacht, dass es ein richtiges Leben gibt und sie sich doch mal bitte aufraffen sollen, um es ins Werk zu setzen – „es“ ist dann in gewisser Weise beliebig austauschbar, je nach dem an welche Richtung der Marx Exegese man nun gerade geraten ist.

Als sei der Kommunismus eine logische Notwendigkeit und kein Imperativ, der als Movens des Denkens gesetzt wird. Davon abzusehen, tendiert immer zum autoritären Gebaren, denn wenn mein Gegenüber die Wahrheit nicht einsehen will, muss ich sie ihm zur Not einhämmern – dann doch lieber einer Person ihre Dummheit aushämmern.

Im Gestus des Bescheidwissens, erinnernd an den Glauben, dass eine revolutionäre Avantgarde vorausschreiten muss, werden die Einzelnen von ihrem Handeln freigesprochen. Sie wissen schließlich nicht was sie tun, aber sie tun es. Dabei bleibt dann offen, wie der Theoretiker zu seinen revolutionären Einsichten gekommen ist, wenn doch eigentlich alle zur Bewusstlosigkeit verdammt sind. Vielleicht ist es geboten, die Psychoanalyse zu bemühen, denn psychoanalytisch wird Rationalisierung als Abwehrmechanismus benannt, entsprechend lässt sich vielleicht treffend sagen, dass der Seufzer der bedrängten Kreatur, explizit der selbsternannten Linken, nicht mehr Religion, sondern Theorie ist.

Damit ist der Wille zur Theorie einer der sich durch Nutzbarkeit, wenn man so will Verwertbarkeit, also in Zweck-Mittel Relationen, bestimmt, denn es soll damit Praxis gemacht werden. Dies ist vielleicht in doppelter Hinsicht zu verstehen. Denn die Verwertbarkeit für die Masse, kann einerseits in vermeintlicher Radikalität auf das revolutionäre Subjekt gerichtet sein oder andererseits und meist die einträglichere Variante, auf die Masse von Studierenden und im akademischen Betrieb befindlichen geistigen Arbeiter. Letztere lassen sich auch wesentlich leichter in den Bann schlagen, als die, welche – hoffnungslos verblendet – unter ersteres subsumiert werden. Denn wer den Unterdrückten und Verdammten dieser Erde den Keim zur Ausprägung eines emanzipatorischen Bewusstseins qua Klassenzugehörigkeit zusprechen will, muss fernab jeglicher Erfahrung sein. Denn dort, wo die Ressourcen zur Befriedigung der Bedürfnisse knapp sind, setzt sich die Konkurrenz meist am vehementesten durch, weil sie unmittelbar auf den Leib zielt.

Dabei ist wohl nicht der subjektive Eindruck relevant und nicht von Gewicht, in welchem Selbstverständnis die eignen Theorie zu Markte getragen wird. So ist dies ein Moment, welches zu verallgemeinern ist – die Subjekt sollten nicht psychologisiert werden. Denn der subjektive Eindruck ist meist doch nicht mehr als der objektive Abdruck der Verhältnisse im Subjekt – Charaktermaske der ökonomischen Verhältnisse. Einem einzelnen Subjekt keine ausgemachte Besonderheit zu zusprechen, bewahrt des Weiteren tendenziell davor, es zum Märtyrer zu stilisieren, der sich für das Eine aufgibt, welches in der jeweiligen Erzählung dann das Gute, das Wahre ist. Nur allzu gerne wird sich darin verloren, dass es doch die herausragende Persönlichkeit, den Superhelden gibt, der alles wieder auf die richtige Bahn lenkt.

Das sinnentleerte Dahinsiechen, welches Alltäglichkeit meint, treibt zur Verdrängung in der Tat. Es wird sich selbst, wie man so sagt „ein Reim auf die Dinge gemacht“, um subjektiv Sinn zu stiften. Ausdruck dessen ist das Fortdauern von Esoterik, die Beliebtheit von Lebensratgebern aller couleur und die ermüdende Dummheit von Leuten, die einem erklären, dass man sich nur genug anstrengen muss, um seines Glückes Schmied zu sein, so als hätten sie davon einen Begriff. Davon ist das Streben nach Theorie, die die Welt erklärt, nicht fern und der Form nach fällt sie der Wissenschaftlichkeit anheim und dient damit, ob entlohnt oder nicht, dem akademischen Betrieb. Damit wird Kritik getilgt, wie laut die eigenen Radikalität auch herausposaunt wird.

Dabei will ich mit diesen Ausführungen gar nicht dagegen polemisieren, dass Zuflucht im akademischen Betrieb genommen wird, um die Reproduktion des eigenen Lebens zu sichern. Ich würde sagen, dass es doch auf jeden Fall eine der angenehmeren Weisen ist, dem Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft nachzukommen.

Bei den Ausführungen gegen den Drang zu theoretisieren, ja vielleicht der Wahrheit doch endlich, wenigstens im Denken, habhaft zu werden, soll damit nicht ausgedrückt sein, dass die Lektüre beiseite zu legen sei, rauszugehen ist, den Leuten erklärt werden muss, wie scheiße ihr Leben doch ist, wenn sie ehrlich zu sich sind und das dann schon die Vorbereitung für den nicht ableitbaren Sprung ist, der die Befreiung sein kann, die ein menschenwürdiger Zustand bedürfen würde.

Gleichzeitig ist es der eigenen Erfahrung nach aber wohl doch so, dass in so mancher Debatte mehr dabei herumkommen würde, wenn sich die in der Debatte Befindlichen erst mal darauf einigen, dass ihr Leben scheiße ist und nicht eine Lebensführung gegen die andere aufzuwerten sei, als „bessere“, gar als richtig. Denn ich denke, dass damit vielleicht das Moment der Anerkennung der negativen Gleichheit in der Verletzlichkeit des Leibs, die uns alle bestimmt, möglich wird und davon ausgehend die Frage diskutiert werden kann, warum die Zwänge, die uns alle zurichten und Leid beständig reproduzieren, noch immer sind, wenn wir doch leiblich spüren, dass es so nicht menschlich sein kann – auch wenn in der Subjektform zur Verdrängung des Leibs tendiert wird.

Das klingt nun als sei alles sehr durchsichtig. Zu leugnen ist nicht, dass eine riesiges Segment der Kulturindustrie und daran anschließende Produktion, sich der Verdrängung des Leids und damit, des Leibs, widmet. Das gesunde, glückliche und erfüllte Leben wird gepredigt, erreichbar durch Kontrolle, Disziplin und Leistung.

So gemütlich und von Selbstliebe gesättigt dieses kulturindustrielle Spektakel zum Teil auch daherkommt, zielt es auf die Zurichtung für die Konkurrenz ab. Es gilt zu funktionieren.

Man könnte vielleicht sagen, dass in einem Modus von „irgendetwas ist immer“ gelebt wird und sei es, dass doch nun endlich mal die Freizeit ausgeschöpft wird, nachdem man so viel geleistet hat. Dann will man sich doch auch mal was gönnen, nachdem man sich so aufgeopfert hat. So wird das eigene zur Ware-Werden durch Waren vergessen gemacht.

Nun wird einer kleiner Sprung gewagt und der erste Teil kann als sozusagen abgeschlossen gelten. Bevor ich nun dazu übergehe, darzulegen, wo sich vielleicht noch, wenn man so will, Hebelpunkte finden lassen, um den genannten kategorischen Imperative gesellschaftliche Wirklichkeit zukommen zu lassen, möchte ich einen kurzen Exkurs einschieben, der vielleicht nochmal die Absurdität des Ganzen zum Vorschein kommen lässt.

Horkheimer äußerte einst, dass Hunger kein Grund zur Produktion ist und so kann Hunger in mitten einer ungeheuren Warensammlung fortdauern. Die Absurdität, welche die kapitalistische Realität ist, dass durch den „Ausschluß aller durch alle“, wie es aus der Form der Ware resultiert, im Überfluss an Gebrauchswerten, gleichzeitig materielles Elend bestand hat, lässt sich, wie es scheint, nicht ändern. Doch kommt es immer wieder zu dem Versuch, sich nicht dem Zwang des Privateigentums zu unterwerfen. Genießen ohne leisten zu müssen, teilen ohne auf seinen eigenen Anteil achten zu müssen, das klingt pathetisch.

Was hält einen denn davon ab beispielsweise zu Rewe zu gehen und sich diese ganzen schönen Waren, die doch für die Konsumtion produziert wurden, einfach einzustecken? Hierauf lässt sich wieder eine schlichte Antwort geben: das Gesetz. Doch, wie auch bei der Eingangsfrage, die diesem Input anleitet, ist es gleichzeitig doch nicht ganz so leicht, wie es scheint, denn das Gesetz ist nicht einfach da, ist nicht greifbar, doch hat es reale Macht über uns. Diese reale Macht ist nur allzu leicht spürbar, als harte Hand des Gesetzes, wie es der bürgerliche Volksmund nur zu gerne bezeichnet und einfordert. Diese harte Hand gewinnt physische Gestalt, in dem Moment, in dem die Warenvielfalt wieder mal zu verlockend war, doch sich über die Nötigung das entsprechende Äquivalent aufzubringen, hinweggesetzt wird und dabei ein rechtschaffener Bürger die Handlung, im Rechtsjargon wohl als „Tat“ bezeichnet, beobachtet und sich voll Empörung an den Souverän wendet. Nun darf sich in der Gestalt der Polizei, die der leibhaftige Ausdruck der monopolisierten Gewalt ist, die Souveränität meint, auseinandergesetzt werden. Es zeigt sich was hinter dem zwanglosen Zwang des Vertrags steht – der Souverän. So wird gestraft, um den Konformismus mit der vorausgesetzten Ordnung abzusichern, denn es ist so, wie ist. Das „Warum“ scheint sich zu erübrigen. Es ist halt so.

Herrschaft bis in alle Ewigkeit, denkt es sich neoliberal oszillierend zwischen Allmacht und Ohnmacht.

Doch verweist die Möglichkeit sich gegen das Handeln in den der kapitalistischen Vergesellschaftung entspringenden Fetischformen zu entscheiden, auf die Freiheit des Einzelnen. Damit sei nun nicht ausgedrückt, dass Ladendiebstahl irgendetwas subversives gar revolutionäres anzudichten und es auch nicht zu verallgemeinern ist, da die Angst vor der Strafe, die in letzter Instanz auf den Leib zielt, an die Ordnung bindet.

Aus den ökonomischen Formen der Reproduktion gibt es immanent keinen Ausweg, wir müssen in diesen denken und handeln, damit wir unsere Selbsterhaltung mit einer gewissen Sicherheit vollziehen können. Es erübrigt sich die Frage, ob es richtig oder falsch ist, dass ich immer zum Tausch gezwungen bin, um leben zu dürfen. Die einzige Frage die gilt, ist die nach dem Preis.

Deshalb gilt es, auf eine Kritik des Antisemitismus und Rassismus zu beharren, denn diese Denkformen, die sich gegen das überwertige oder das unwerte Leben richten, entspringen der gesellschaftlichen Konstellation die unter Druck die Subjekte formt.

So sehr der Souverän die Verträge absichert, die das Privateigentum garantieren, kann sich dem antisemitischen und dem rassistischen Denken verwehrt werden. Dazu kann man nicht gezwungen werden und es ist die eigene Verantwortung, sich dagegen zu entscheiden. Niemand ist dazu gezwungen, Antisemit oder Rassist zu sein. Doch drängt sich das Denken dem fetischistischen Bewusstsein auf. Wer dieses als strukturell festes bestimmt, kann keinen Einspruch mehr erheben. Kritik wäre ohne Ansatzpunkt.

Es ist dem folgend wohl so, wie es bereits Marx und auch Adorno aufgezeigt haben, dass das Denken in der Entdeckung des Menschen, hinter den mythischen Gestalten, nichts gewonnen hat, außer Selbstbeweihräucherung.

Marx schreib dazu: „Die Bestimmung der Wertgröße durch die Arbeitszeit ist daher ein unter den erscheinenden Bewegungen der relativen Warenwelt verstecktes Geheimnis. Seine Entdeckung hebt den Schein der bloß zufälligen Bestimmung der Wertgröße der Arbeitsprodukte auf, aber keineswegs ihre sachliche Form.“

Und Adorno: „Leicht bildet Denken tröstlich sich ein, an der Auflösung der Verdinglichung, des Warencharakters, den Stein der Weisen zu besitzen. Aber Verdinglichung ist die Reflexionsform der falschen Objektivität; die Theorie um sie zu zentrieren, macht dem herrschenden Bewußtsein und dem kollektiven Unbewußten die kritische Theorie idealistisch akzeptabel.“

Es ist wie beim Rätsel der Sphinx, der Mensch hat sich selbst entdeckt, doch verbleibt trotzdem in seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit – ist nicht Herr im eigenen Haus, wie der Protagonist der genannten mythischen Szene: Ödipus. Das Schicksal holt ihn ein, denn die Verhältnisse bleiben unverändert.

Es verändert nichts, wenn die Formen in denen wir unser Leben reproduzieren logisch bestimmt werden und als menschengemacht, denn es lässt sich nicht logisch begründen, warum wir in diesen Formen unser Leben reproduzieren. Denn der Nachweis, dass der Mensch es ist, der die Verhältnisse schafft, schmeichelt dem aufgeklärten Bürger, der sich seiner Verwertbarkeit sicher fühlt.

Daraus leitet sich die Nötigung ab, materialistisch zu denken. Somit scheint Kritik, die ihren Gegenstand auch treffen will, sich auf die Bedingung der Möglichkeit richten zu müssen, das trotz logischer Unmöglichkeit, das Ganze als Unwahresreal trotzdem möglich ist.

Früher hätte man vielleicht gedacht, dass Gott das Ganze zusammenhält, aber es ist der Leviathan – die souveräne Gewalt. Der Souverän als Körper der uns einschließt. Deshalb ist eine Kritik des Kapitals nicht ohne eine Kritik des Staates zu machen, denn dies sind gleichursprünglich zwei Seiten der selben Medaille.

Damit ist das Anliegen von Kritik nicht die Aufhebung des Bestehenden, als sei nur ein Widerspruch zu überwinden und der Kommunismus eigentlich schon im Kapitalismus angelegt. Es geht um die Abschaffung von Staat und Kapital.

Kritik richtet sich deshalb nicht an ein imaginiertes revolutionäres Subjekt als Kollektiv, denn das revolutionäre Subjekt kann immer nur ein jeweils Einzelnes sein, alles andere tendiert zur zwanghaften Gemeinschaft.

Diese ist der Fluchtpunkt des Subjekts in der Krise. Wenn die eigene Überflüssigkeit für die Verwertung sich zunehmend aufdrängt und im Bewusstsein der Subjekte festsetzt, sich also als in der Krise befindlich gedacht wird, dann tendiert das bürgerliche Subjekt zur Flucht nach vorne, zur Nation – eine Identifikation mit dem Angreifer, in dessen Namen dann gehandelt wird.

Dazu gilt es anzumerken, dass die Krise kein Naturgesetz ist. Das beängstigende auf und ab der Aktienkurse, ist kein Abbild eines von den handelnden Subjekten losgelösten Prozesses – es ist genau genommen das Abbild der handelnden Subjekte, die die Krise also selbst, durch ihr bewusstloses handeln, hervorbringen. Denn nur wenn als in der Krise befindlich gehandelt wird, dann ist die Krise auch.

Um Bruhns Verweis auf Hitler zu zu zitieren, der auf die deutsche Krisenlösung verweist: “Die erste Ursache des Gleichbleibens unserer Währung ist das KZ”, so der führende Volkswirt Adolf Hitler im Januar 1943 bei Tische in der Wolfsschanze, als die Herrschaften sich fragten, wie es eigentlich sein konnte, daß trotz des enormen Kaufkraftüberhangs, trotz des enormen Staatsdefizits noch immer keine Inflation losbrach.“

In der Krise kann das Subjekt durch die Flucht nach vorne in den Volkskörper, in die Wärme der Horde, in der man untergeht, den eigenen Körper vergisst und als Volkskörper zur Vernichtung tendiert und sei es am Ende die eigene, die Angst verdrängen. Die Bereitschaft zum Tod, als „doppelte Möglichkeit“, wie Carl Schmitt, allerdings positiv, dies beschrieb, ist die Voraussetzung für die Identifikation mit dem Volk. Die Gemeinschaft wird durch das Opfer zusammengehalten.

Deshalb geht es nicht um Theorie und Praxis, sondern um Krise und Kritik.

Die Frage nach Warum Kritischer Theorie würde ich resümierend also damit beantworten, weil dadurch Leid beredt werden kann.

Erster Kommentar:

Zwei Momente der eben dargestellten Collage (erster Beitrag) möchte ich erneut aufgreifen. Zunächst werde ich etwas zur Trennung von Individuum und Gesellschaft anmerken. Schließlich, das wird ein kleiner Sprung, soll dies ergänzt werden um den falschen und richtigen Gegensatz von Kritik und Praxis, Fragen zu Aktivismus und Bewegung.

Mein Versuch einer fragmentarischen Kritik gilt der Hypostase des Einzelnen als bedürfnisbewussten Menschen, der zugleich die Sozialatomisierung und die gesellschaftliche Konstitution des individuellen Subjekts potenziell zu negieren scheint. Das Urteil aber ist längst gesprochen: der Einzelne wird an diesem Vorhaben zu Grunde gehen. So wenig ein einzelnes Subjekt bestimmt werden kann, welches nicht gesellschaftlich präformiert ist, kann eines sich zeigen, welches wahre Bedürfnisse hätte. Diese Vorstellung von Authentizität ist romantisch. Sie entspringt der bewusstlosen Denkform selbst und widerspricht der Einsicht, dass die Subjektform nicht etwa die Verwirklichung individueller Autonomie und Selbstbestimmtheit sei, sondern viel mehr gesellschaftliche Zurichtung. So erkannte Bruhn, dass das Subjekt ein rassistisches und antisemitisches zugleich ist – es galt ihm als die gesellschaftliche Synthesis der Antinomie von Bourgeois und Citoyen am Individuum.

Die falsche Trennung von Individuum und Gesellschaft basiert auf der Form der Vergesellschaftung selbst. Denn paradoxerweise wird sie durch private Arbeit und ebensolche Interessen vollzogen und stellt sich als Konkurrenzverhältnis dar. Stapelfeldt benennt dies für die neoliberale Gesellschaft adäquat als Integration durch Desintegration. Als Sozialatom, wie ebenjener es nennt, ist das längst liquidierte Individuum umso mehr „Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse“ (Marx), bewusst ist ihm, ist uns das nicht. Die Einzelnen stoßen sich von anderen ab und vergesellschaften sich, ohne es zu wollen, während die Gesellschaft als Naturmacht und Grenze der teleologischen Handlungen des Alltags erscheint. So ist die falsche Dichotomie durchaus wahr: Gesellschaft reproduziert sich gerade dadurch, dass die Einzelnen gegen Andere agieren.

Individuum ist aber nicht ohne Gesellschaft, Gesellschaft ebenso wenig ohne Individuum zu denken. Das eine wirkt durch das andere hindurch. Individuum und Individualität entspringen gleichsam erst dem Gesellschaftlichen. Vollends der Utopie vom Individuum entledigt, ist die neoliberale Individualisierung schließlich Ausweis totaler Vergesellschaftung, der bewusstlosen Reproduktion des Ganzen im Einzelnen. Und nicht etwa, weil sich im Einzelnen dagegen etwas regte, schrieb Adorno die Aphorismen der Minima Moralia aus der Erfahrung beschädigten Lebens. Die leidhafte Erfahrung des Individuums galt ihm viel mehr als Ausweis der objektiven Verhältnisse selbst. Sie ist Einspruch gegen falsche Unmittelbarkeit und die Anerkennung des eigenen Zufalls. Während „seines Zerfalls“, schreibt er, „trägt die Erfahrung des Individuums“ schließlich zur „Erkenntnis bei, die von ihm bloß verdeckt war, solange es als herrschende Kategorie ungebrochen positiv sich auslegte.“ Erfahrung im emphatischen Sinne, heute kaum mehr möglich, reflektiert auf Gesellschaft. Sie enthält in ihrer Leibhaftigkeit ein notwendig irrationales Momentum, welches nicht zu tilgen ist. Sie sträubt sich durch ihre unreglementierte Reflexion auf Theorie sowohl gegen falsche Unmittelbarkeit als auch gegen das systematische Denken. Es gilt: Dem Zwang, welcher als Selbstbewusstsein – gar noch: Selbstverwirklichung, also zeitgemäße Form falscher Autonomie – erscheint, wird auch der kritische Geist nicht entrinnen. Das Individuum ist Ausweis des Allgemeinen, widerstrebt damit zugleich der Kritik und ist doch notwendig deren Ausgangspunkt. Insofern von der individuellen Erfahrung von Leid und Wunsch noch etwas über die Zurichtung hinausweist, ist dies nur als Kritik zu formulieren. Das Ziel kann daher unmöglich darin bestehen, erneut einen starken, unbeweglichen Triebapparat („Ich-Stärke“) in den Einzelnen zu konstituieren. Vielmehr ist die Intention der Kritik, die Zumutungen der dafür nötigen Herrschaft über die eigene Natur abzuschaffen. Der zeitgenössisch vermeintlich „flexible“ und der Triebstruktur nach „bewegliche“ Sozialcharakter wird gemeinhin durch Erscheinungen wie Authentizität, Kreativität, Selbst-Verwirklichung und Karriereorientierung zugleich beschrieben. Die Absurdität, dass wir diese Elemente der Zurichtung als individuelle Wahl verkennen, gilt es zu skandalisieren.

Theorie der Gesellschaft ist also insofern vonnöten, als dass diese sich gegen ihre falsche Natur richtet, die Voraussetzungen des eigenen Handelns aufzuklären trachtet und deren Irrationalität überhaupt erst benennt. Sie erhebt Einspruch gegen die Rationalisierung eben jener Einrichtung. Dies gilt ebenso für das, was heute unter dem Begriff der Praxis firmiert. Kritisierte Adorno noch, dass diese zur Theorie nur ein instrumentelles Verhältnis hege, ähnlich wie eben dargestellt, muss man heute konstatieren: Sie erscheint vollends begriffslos, bewusstlos – die Reflexion auf die Gesellschaft ist ihr fremd. Sie erscheint als antisemitisches Schmierentheater mit dem Ziel den ungleichzeitigen Staat jüdischer Emanzipation, Israel, abzuschaffen und inszeniert sich nostalgisch als sozialistische Jugendgruppe. Sie erscheint auch als regionale Antifa-Gruppe und Aktivismus gegen den Schrecken der völkisch-konformistischen Revolte. Während erste blindlings den Erlösungsantisemitismus in deutscher Tradition propagandieren und sich dabei – ebenso eine deutsche Tradition – als Retter der Welt und Freund:innen der Verdammten gerieren, erheben letztere wohl zurecht Hand und Stimme gegen die Barbarei des 21. Jahrhunderts. Immerhin: Die Verteidigung gegen die Gewalt des deutschen Volkswahns ist notwendig; ein Neonazi mit gebrochenen Beinen allemal ungefährlicher als einer mit intakten Gliedmaßen. So weit wird man wohl kaum widersprechen können.

Aber: Der Aktivismus gegen Rechts verlangt nicht nach Theorie und Aufklärung der Verhältnisse, er verlangt nach Taten und ist insofern wohl dem Militär näher als dem Kommunismus. Es handelt sich hierbei um ein modernes Novum: eine linke „Bewegung“, welche mit Theorie, der Kritik der Gesellschaft nichts am Hut haben mag? Die nicht wenigstens versucht, sich die kritische Theorie als Instrument anzueignen? Noch vor 50 Jahren kaum vorstellbar. Heute aber wird die bürgerliche Trennung von Theorie und Praxis nicht mehr nur zugunsten der Praxis affirmiert. Sie gilt als gesetzt, als unauflösliche Trennung, das Machen gehe dem Denken voraus. Antifa sei schließlich Handarbeit. Dieser uns allen bekannte Spruch ist ehrlicher als gewollt: er zeigt die Bewusstlosigkeit einer Bewegung, welche ihre Rotfront-Vergangenheit mit sich herumschleppt und sich nebenher zum kollektiven Sozialpädagogen des Staates mauserte. Antifa ist Pseudo-Aktivität. Die Reflexion auf die Trennung von Geist und Körper, von Subjekt und Objekt, welche doch konstitutiv für Praxis wäre, misslingt dem Kollektiv unmissverständlich. Es fügt sich so den Imperativen des Objektes, der Gesellschaft: Verwertbarkeit, Effizienz, Pragmatismus vor jedem Gedanken – Kampf dem Faschismus als Dienst am besseren Deutschland. Immerhin wird das Missverständnis der Autonomie derartiger Kollektive derweil nur noch von offiziellen staatlichen Institutionen bemüht. Wobei: Auch Antifa ist heute, fernab jeder emanzipatorischen Radikalität, mithin staatlich – seit den 2000ern fließen Fördergelder, für unsere Demokratie. Deren Verteidigung legitimiert dann auch die Zusammenarbeit mit Chef-Ideologen wie Michael Kretschmer. Alle zusammen für den deutschen Staat und gegen den Faschismus. Staat und Kapital sind dieser Linken keine Kritik mehr Wert. Einzig deren Ausprägungen, ob rassistische Polizeigewalt oder der Abbau des Sozialstaates, ist ihnen ein Dorn im Auge. Anliegen ist nicht das Ende der Herrschaft, sondern deren Neuausrichtung. Das Subjekt dieser Gedanken setzt die Trennung vom Objekt der eigenen Erkenntnis bewusstlos voraus. Ist die völkische Bewegung der Gesellschaft ein Störfaktor, so ist sie diesen Verhältnissen wohl kaum entsprungen. Denn dann würde sie auch uns betreffen. Das Eintreten gegen diese konformistische Revolte verlangte insofern auch nach Selbstreflexion, nach kritischer Theorie und der zusehends verschütt gegangenen Möglichkeit von Erfahrung, welche diese überhaupt noch ermöglichte, wie die Spontanität die radikale Praxis.

Doch heute ist alles ein Spiel. Der VVN-BdA wirbt für einen Job mit dem Slogan „Komm ins Team Antifa“, das Gerede von der richtigen Seite der Geschichte ist uns allen bekannt. Und so gerät der Aktivismus, wenn er nicht Arbeit ist, zum Freizeitbetrieb, zum Hobby. Neben dem was wirklich wichtig sei, Geld verdienen und eine Karriere (die vielleicht sogar einmal irgendwie mit Kritik der Gesellschaft hätte assoziiert werden können) zu betreiben, wird – wenn denn dafür noch „Kappas“ sind – Selbstorganisierung betrieben. Frei nach Agnolis Hegel-Rezeption kann hier „pissendes Denken“ beobachtet werden: Man kann über vieles reden, noch mehr tun und nie etwas ändern. Die Sinnlosigkeit des eigenen Handelns wird so vorausgesetzt, ist nichts als Ablenkung und Selbstverwirklichung fernab des Jobs. Als Freizeitaktivität degradiert man die eigene Praxis, die sowieso schon keine richtige war, zur vollen Überflüssigkeit. Die Konsequenz: Einverstandensein mit den Verhältnissen. Nicht zufällig sind die Freizeitaktivist:innen und Hobbytheoretiker:innen früher oder später in sozialpädagogischen Projekten und Gewerkschaftsjobs zufrieden mit ihrem Dienst an der Gesellschaft oder machen es sich im akademischen Betrieb gemütlich, finden sich im Konservatismus wieder. Das sind wohl die Reste einer Bewegung, welche sich irgendwann einmal als kommunistisch wähnte. Die Kritik an diesem Verhängnis – in dem Sinne ist sie solidarisch, ohne dem Tatendran nachzugeben – versucht die Intention auf „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“ zu erhalten. Sie ist deshalb unmöglich eins mit der jener Praxis, aber ihr zutiefst verbunden.

Zweiter Kommentar:

Als ich angefangen habe, über die Fragestellung für diesen Beitrag und die Kommentare nachzudenken, kam mir alles Mögliche in den Sinn, worüber ich sprechen wollen würde. Die zugänglichste Antwort für viele von euch wäre vielleicht gewesen, zu beschreiben, was kritische Theorie von traditioneller unterscheidet. Aber das wollte ich nicht: die Beiträge sollten doch schließlich Ausdruck dessen sein, was wir hier eigentlich machen und zukünftig machen wollen. In kritische Theorie einzuführen, sie anhand von Charakteristika, als wären diese Zutaten eines Kochrezepts, verständlich oder gar salonfähig zu machen – wie es in einem unserer ersten Texte tatsächlich noch hieß –, oder sie für die Verwertung im akademischen Betrieb zuzurichten, man könnte auch sagen sie zu soziologisieren, gehört nicht dazu. Für mich. Und da sind wir vermutlich schon am neuralgischen Punkt dieses Kommentars: einige Gruppenmitglieder sehen das sicher anders. „Was wir hier eigentlich machen und zukünftig machen wollen“ lässt sich nicht positiv, abschließend oder absolut bestimmen.

Die Frage, auf die der Beitrag und die Kommentare so gern eine Antwort geben wollen, lässt sich so nicht beantworten. Stattdessen ist die Kritik angewiesen auf einen Gegenstand. Wir haben das im ersten Beitrag gehört: Der Genosse, der im Übrigen von vornherein unbehaglich mit der Frage war, hat deshalb versucht, sich an „der Theorie“ abzuarbeiten. Für den folgenden Kommentar und mich war es leichter: Wir hatten wenigstens seinen Beitrag zum Gegenstand der Kritik. Aber auch der erste Kommentierende hat sich einen zusätzlichen Gegenstand gesucht, an dem er sich abarbeiten konnte. Das war auch mein erster Impuls. Ich hatte so viele Assoziationen zur Frage, über die ich gern gesprochen hätte: Die Geschichte, die Erkenntnis, die Rationalität des männlichen Menschen, das religiöse Moment der Hoffnung auf den kommenden Kommunismus und der Glaube an das Subjekt oder den Moment, die ihn bringen könnten. Schließlich hängen alle diese Aspekte mit der Frage nach der kritischen Theorie zusammen. Aber auch das wäre der Tendenz nach positive Antwort: Hätte ich dem ersten Beitrag hinzugefügt, was fehlt, so hätte ich die Kritik bestimmt, statt den Gegenstand kritisiert.

Zum falschen Inhalt gesellt sich die falsche Form: In fünf bis zwanzig Minuten ist kein Gedanke ausführbar, keine Kritik formulierbar. Wir haben der Polemik des kritischen Kritikers, dessen Maske der Vortragende sich im Beitrag aufsetzte, zugehört, aber ob wir verstanden haben, was die „Synthese durch das Kapital“ oder das „falsche Ganze“ sein soll, bleibt dahingestellt. Wie nun „die Theorie“ Ausdruck solcher Synthese ist, konnte er nicht erklären – er meinte zwar, es sei nicht erklärbar, aber auch die Form hätte ein Erklären nicht zugelassen. Dass ich meine Kritik an seinem Beitrag vorbereiten konnte, er sich der Kritik jetzt notgedrungen aussetzen muss, gehört wohl ebenso zur falschen Form. Zwar haben wir uns bewusst für dieses Format entschieden, einerseits aufgrund der verschiedenen Einzelnen innerhalb der Gruppe, die dadurch etwas sagen würden, andererseits wegen des Anliegens, in diesen Räumen zu disputieren. Fehlgeschlagen ist dabei einerseits, dass wir nicht ernstgenommen haben, wie real die Angst, verschieden zu sein, ist, sodass sich nur Personen gemeldet haben, die relativ ähnliche Perspektiven auf diesen Raum haben, und andererseits, dass der begrenzende Rahmen dazu zu nötigen scheint, so dicht zu sprechen und so viel vorauszusetzen, dass kaum jemand mehr versteht, worum es geht, nur um „alles unterzubringen“, „alles richtig zu machen“. Dies scheint mir Ausdruck genau des Systemdenkens zu sein, das der kritische Kritiker in seinem Beitrag kritisierte. So erinnert diese Aneinanderreihung von Beiträgen und Kommentaren an ein Panel, in dem verschiedene Wissenschaftler:innen zum selben Thema ihre Inputs abliefern, um danach aneinander vorbeizureden.

Auch ich leide – wie die Genossen – unter der Unfähigkeit, den Rest, das Nichtidentische, oder Irrationale – mit wem auch immer man es sagen möchte – als solche stehen zu lassen und das Unabgeschlossene auszuhalten, auch wenn ich mich dem gern entziehen würde. Deshalb muss ich – auf die Gefahr der Wortklauberei hin – dem kritischen Kritiker in seiner Bestimmung der Theorie trotzdem widersprechen: Nicht die Kritik ist gegenüber der Theorie abzugrenzen, sondern die kritische Theorie von der traditionellen, wie es in Horkheimers bekanntem Aufsatz heißt, und von der, die sich nur kritisch nennt. Damit will ich keinesfalls sagen, dass der Text von 1937 Ausdruck ewiger Wahrheit sei – insbesondere nach Auschwitz ließe sich das nicht sagen, sofern sich die Verhältnisse heute doch anders darstellen, wie wir im vorigen Kommentar gehört haben. Aber dass Kritik auf Theorie angewiesen bleibt. Die kritische Theorie der Gesellschaft und des Individuums allein ermöglicht die Erkenntnis, dass weder die Verhältnisse noch die Subjektform des Menschen natürlich oder gar vernünftig sind. Der Genese der Gegenwart muss nachgespürt werden, um sie zu entnaturalisieren, um die Möglichkeit des Aufhörens zu retten, die gegenwärtig verloren scheint. Das bedeutet nicht, dass die kritische Theorie überzeitlich wahr ist oder empirisch oder logisch widerspruchsfrei beweisbar. Es bedeutet lediglich, dass sie versuchen muss, zu verstehen, und gleichzeitig, das Unverständliche als solches stehen zu lassen. Insofern ist sie angewiesen auf die Theorie. Nicht das Beharren auf die Nachvollziehbarkeit des falschen Ganzen, welches dieses Ganze nicht rationalisiert, sondern das Nicht-Identische als Anderes stehen lassen kann, impliziert den kausalen Schluss, den der kritische Kritiker zog – dass sich dadurch die Menschen von der Notwendigkeit, zu handeln, überzeugen ließen – sondern die Gleichsetzung von Theorie und Wahrheit, der der Genosse anheimgefallen ist. Als kritische Theorie bleibt Theorie stattdessen in Bewegung, spekulativ und fragmentarisch. Die Kritik ist die konkrete – nicht die abstrakte Negation der Theorie. Schließlich erklärt auch der kritische Kritiker uns, wie dumm wir sind, wie scheiße unser Leben eigentlich ist, dass wir es dank der Kulturindustrie nur verdrängen würden.

Meine Kritik soll aber nicht bei der oberflächlichen Trennung von Theorie und Kritik verharren. Stattdessen soll der Borniertheit, die in der Polemik des kritischen Kritikers aufscheint, widersprochen werden. Nicht, weil ich meine, dass wir in diesen Räumen einen umfassenden Bildungsanspruch verfolgen sollten – die immer wiederkehrende Rede von der sog. Niedrigschwelligkeit, die hinfällig wird, wenn erkannt wird, dass die Verhältnisse eben nicht einfach zu verstehen sind und ihre Kritik es entsprechend auch nicht sein kann – da sie einerseits als Kritik sich dem Gegenstand zumindest insofern gleich machen muss, dass sie ihn fassen kann, und andererseits ihrer eigenen Verwertung widerstehen muss. Auch nicht, weil ich versöhnlich bleiben möchte, Niemandem vor den Kopf stoßen. Sondern weil ich meine, dass die Polemik genauso Ausdruck des Begehrens nach Subjekt-Sein ist wie das Theoretisieren zum geschlossenen System, Ausdruck des Sich-eingerichtet-habens in der Kritik-Gemeinschaft: Zu Polemisieren heißt, sich zu distanzieren. Sei es, sich sicher zu sein über die „Dummheit der Leute“, was mir gleichbedeutend zu sein scheint mit dem Gefundenhaben der richtigen Theorie – nämlich – im Gegensatz zu den anderen – wenigstens zu wissen, wie dumm man ist. Oder über die Selfcare-Jünger zu polemisieren, was der Verdrängung des eigenen Leidens genauso wie des religiösen Moments in der Frage nach dem Warum der Kritik gleicht.  Oder sich abzugrenzen von der bewusstlosen Praxis – sei es die der Wissenschaft oder der Antifa –, was bedeutet, die Identität als Kritiker zu wahren.

Genauso ermüdend wie die Leistungsideologie oder die Erzählung vom guten Leben ist die Figur des Antideutschen, der erklärt, dass es egal sei, was man tut, es gäbe schließlich kein richtiges Leben im Falschen, der sich ausruht in seinem „kritischen Bescheid Wissen“, der zwar klaut und Nazis die Beine bricht, aber sich nicht um sich kümmert, aus Angst, sich dadurch für den Arbeitsmarkt zuzurichten. Wie zugerichtet und abgestumpft er damit ist, wie sehr er seinen Leib vergisst, kann er unter seiner Borniertheit auch vor sich selbst verstecken – so meine Spekulation. Ginge es der Kritik also wirklich um den verletzlichen Leib, das sich ängstigende Individuum, so würde sie zunächst versuchen, zu verstehen: Anerkennen, dass man eben morgens aufstehen muss, um das eigene Leiden kritisieren zu können.

Insofern wäre auch das Erkenntnissubjekt konkret zu negieren, „das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen“ – wie es in der Dialektik der Aufklärung heißt.

Nun habe ich doch einen Gegenstand hinzugenommen, an dem ich mich abarbeiten konnte: die Figur des Kritikers und des Antideutschen, in denen der männliche Mensch als Erkenntnissubjekt wirkt. Geplant war das nicht, aber es folgt aus der Selbstkritik, die uns alle angeht. Wir haben uns auf den falschen Inhalt – die abstrakte Frage – eingelassen, der falschen Form untergeordnet – dem collagenhaften Zusammenwerfen des Zeitmangels wegen –, und wurden beim Vortragen zu mit uns selbst identischen Erkenntnissubjekten. Auch wenn wir uns dabei selbst immer „mitmeinen,“ wie man in anderen Kontexten zu sagen pflegt. Statt nur den Staat und das Kapital abschaffen zu wollen, muss es in dieser Perspektive genauso darum gehen, selbst andere zu werden. Ohne die Selbstkritik keine Selbstveränderung – auch wenn das Gegenteil keineswegs die Konsequenz ist – und ohne Selbstveränderung keine Möglichkeit aufzuhören, nein zu sagen, kein neo-idealistisches Freiheitsmoment, welches im ersten Beitrag an den verzweifelten Versuch des Existentialismus, das Individuum zu retten, erinnert. Insofern sind wir wohl gleiche eines Zwangszusammenhangs. Als Einzelne, die in der gemeinsamen Auseinandersetzung der Vereinzelung zu entkommen suchen, teilen wir – so meine ich – als Ausgangspunkt die Hoffnung, dass das alltägliche Leiden im gesellschaftlichen Zwangszusammenhang aufhöre. Das – hier kann ich meinen Vorrednern nur zustimmen – ist die Antwort auf die Frage nach dem Warum der kritischen Theorie.

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Warum kritische Theorie? Warum eine Bibliothek? https://disputhek.de/warum-kritische-theorie-warum-eine-bibliothek/ Thu, 24 Apr 2025 09:15:27 +0000 https://disputhek.de/?p=569 Am 26. April 2025 wird die disputhek ab 16 Uhr feierlich eröffnet. Aus diesem Anlass wird es zwei Beiträge mit Diskussion geben, welche sich den Fragen „Warum kritische Theorie?“ und „Warum eine Bibliothek?“ widmen.

Warum kritische Theorie?

Der 1. Mai steht bevor, und allerorts finden sich bereits die Mobi-Plakate an den Wänden – raus auf die Straße und nun wirklich mal Stimmung gegen die Kapitalisten machen. Diese Krise ist eine zu viel, jetzt müssen die Arbeiter es doch mal verstehen – so scheint der verbindende Subtext zu sein, der Anarchisten, Gewerkschaften und ML-Sekten eint. Man ist sich sicher, Gewissheit besteht: Die Kapitalisten müssen weg. Deshalb gilt es, die Arbeiter anzustacheln, Revolution zu machen.
Diese Gewissheit ist nur möglich durch den Glauben daran, der Wahrheit habhaft zu sein. Grundlegend dafür ist die je eigene Theorie, welche schablonenhaft den objektiven Verhältnissen übergestülpt wird. Deshalb wird das vorgetragene Nachdenken über die Frage „Warum kritische Theorie?“ einen zentralen Gedanken Bruhns und der ISF aufnehmen, der sich gegen den Drang zu theoretisieren stellt und stattdessen auf Kritik pocht, die sich nicht in argumentativen Begründungen verfängt. Die Wahrheit der Kritik kann sich erst mit der Abschaffung des Gegenstandes zeigen – alles andere verkommt zur Affirmation des Bestehenden.
Dem folgend ist es geboten, sich gegen autoritäre Wahrheitsprediger zu wenden, sich der Verwertbarkeit im akademischen Betrieb zu verweigern und sich gegen den Drang zu richten, etwas positiv festzuhalten. Die Möglichkeit des Einspruchs liegt beim Einzelnen, der den Drang dazu leiblich spürt. Dabei kann das Ziel nicht die möglichst elaborierte Zurschaustellung des eigenen Wissens sein, sondern das Polemisieren gegen die Absurdität, in der wir unser Leben fristen. Dass es ist, wie es ist – das ist die Krise, und nicht irgendeine ökonomische Erscheinung wie beispielsweise die Kursentwicklung des DAX.
Gebannt von der sich drehenden Medaille – auf der einen Seite Staat, auf der anderen Kapital – wird vergessen, dass sie menschengemacht ist. So ist es an ihnen, sie abzuschaffen.
Dies wird der Rahmen sein, in dem die Antwort auf die Frage „Warum kritische Theorie?“ abgesteckt werden soll.
Sodann wird der erste Kommentar einige Trugschlüsse der vermeintlichen Trennung von Individuum und Gesellschaft benennen. Diese Trennung ist Gegenstand und Bedingung ihrer Kritik. Deren falscher und zugleich notwendiger Gegensatz zu Praxis, welche heute mithin als Freizeitaktivismus erscheint, soll die Intention auf „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“ erhalten.
Der folgende Kommentar reflektiert den Prozess des Kommentarschreibens. Denn Kritik ohne Selbstkritik findet sich mit sich selbst ab – sie ist keine.

Warum eine Bibliothek?

Der audio-visuelle Input „Wir packen unsere Bibliothek aus“ von kssndr swk gibt keine Antwort auf die Frage “Warum eine Bibliothek?”, sondern lässt Bilder und Erinnerungen entlang eines Textes von Walter Benjamin vorbeiziehen. Er dreht sich in assoziativer Weise um die Frage, wie aus Einzelnen ein Ganzes, wie aus Büchern eine Bibliothek wird. Der Blick schweift ab auf Bleisatz, Papiermaschinen und Getriebe; die Gedanken auf die Schrullen echter Sammler und in die Benjaminsche auratische Ferne; und auf verfehlte Formen. – Mit der Eröffnung der disputhek ist die Frage nach dem Verhältnis unserer Bücher zum Format Bibliothek nicht schon hinter den Kulissen vollständig geklärt – wir sind aktuell mitten im Sortieren, die Katalogisierung noch ausstehend. Tatsächlich: Wir packen unsere Bibliothek gerade erst aus. Der Input versucht dieses Moment einer Bibliothek, das “der aufgebrochenen Kisten, der von Holzstaub erfüllten Luft” und das noch nicht “von der leisen Langeweile der Ordnung” Umwitterte einzufangen und die Gedanken, Vorstellungen und Ideen ein wenig ins Tanzen zu bringen.

Nach dem 20-minütigem Filmschauen kommentieren Minze Maraffa und Natalia Fomina.

Weitere Infos zur Eröffnung: https://disputhek.de/eroeffnung/

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Ein erster Blick hinter die Glasfassade: Eröffnung der disputhek am 26.4. https://disputhek.de/eroeffnung/ https://disputhek.de/eroeffnung/#respond Mon, 07 Apr 2025 16:00:19 +0000 https://disputhek.de/?p=314

Nicht nur in Dresden hat es sich bereits herumgesprochen (Mopo/TAG24 berichtete): Mit der disputhek entsteht in Dresden ein Austausch- und Veranstaltungsraum, ein Ort zum individuellen wie gemeinsamen Lesen und Arbeiten, und nicht zuletzt eine Bibliothek, basierend unter anderem auf dem Nachlass von Joachim Bruhn. Ziel ist es, einen Raum für Kritik zu schaffen, die sich nicht selbst genügt.

Nachdem in den letzten Monaten viel organisiert, geplant und diskutiert, besonders aber sortiert, geräumt und gebaut wurde, möchten wir endlich mit euch am Samstag, den 26.04., um 16:00 Uhr unsere Räumlichkeiten feierlich eröffnen. Ihr seid also alle herzlich eingeladen, euch einen ersten Eindruck von der disputhek zu machen und mit uns ins Gespräch zu kommen, zu diskutieren und anzustoßen.

Da Kritik einen Gegenstand braucht, wollen wir auf Basis von zwei kurzen Beiträgen die Umstände, unter denen die Idee zur disputhek entstand und umgesetzt wurde, nachzeichnen und eine Diskussion mit euch anstoßen. Björn Petersen spricht zunächst über die Notwendigkeit kritischer Theorie. Seine Ausführungen werden kommentiert von Tom Thümmler und Anna Lena Stefanides. Der audio-visuelle Input von kssndr swk stellt sich der Frage: „Warum eine Bibliothek?“. Es folgen Kommentare von Minze Marraffa und Natalia Fomina.

Kurz und knapp:

Wo: Leipziger Straße 84 (01127 Dresden-Pieschen)
Wann: Samstag, 26.04., 16:00 Uhr
Was: 16:00 feierliche Eröffnung der disputhek mit Snacks und Sekt
18:00 Beiträge mit Kommentar und anschließender Diskussion

Mehr Infos zum Verein, unseren Räumen und unserem Selbstverständnis findet ihr auf dieser Website. Um die Kosten für die Einrichtung der Räume und der Bibliothekstechnik zu stemmen, läuft aktuell auch eine Spendenkampagne – vielleicht habt ihr ja noch ein paar Euro übrig oder tragt die Info einfach weiter, vielen Dank!

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Kapital braucht Kritik, Kritik braucht Geld – Ein Spendenaufruf https://disputhek.de/auch-kritik-braucht-geld-bitte-um-unterstuetzung/ Tue, 18 Mar 2025 16:34:20 +0000 https://disputhek.de/?p=529

Der Verein disput wurde Ende des Jahres 2023 gegründet, um einen Ort für kritische Theorie in Dresden in Form einer Bibliothek und eines Veranstaltungsraums zu etablieren. Den Kern unserer Bibliothek bildet Joachim Bruhns Nachlass an Büchern, den wir auch online katalogisieren. Neben unserer eigenen Auseinandersetzung, welche unter anderem an Marx’, Adornos und Bruhns Denken anschließt, wollen wir auch kritisch in gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen intervenieren. Dieses Anliegen ist in Dresden derzeit von besonderer Bedeutung. Neben der Persistenz von alltäglichem Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus, Rassismus und Misogynie erfährt man hier zunehmend eine extrem rechte Hegemonie, welche sich auch in Drohungen und Gewalt äußert. Wir denken, dass dies mehr als die bislang geführten politischen Konflikte (insbesondere die antifaschistische Tätigkeit) notwendig macht. Deshalb möchten wir einen besonderen Fokus auf die Reflexion jener gesellschaftlichen Verhältnisse, welche die Keimform der autoritären und menschenfeindlichen Entwicklungen bilden, legen. Zur Organisation dieses Vorhabens und zur Ausstattung der disputhek sind wir auf finanzielle Unterstützung angewiesen.


Verschiedene Gründe, darunter zählt die für uns die unabdingbare Kritik des Staates und seiner Souveränität sowie die politische Normalität in Sachsen, welche die Förderung gesellschaftskritischer Projekte bisweilen verhindert, führen dazu, dass wir für die Ausstattung unserer Räume nicht auf staatliche Projektfördertöpfe zurückgreifen können. Auch andere Fördertöpfe sind meist nicht für die Grundausstattung (wie Möbel und technische Geräte) vorgesehen. Daher bitten wir mit dieser Nachricht um Spenden, damit wir in Dresden diesen Raum mitsamt Bibliothek für kritische Theorie hervorbringen und die Bücher Bruhns digital einsichtig machen können. Weitere Infos zum Projekt sowie unseren Ideen und den Spendenmöglichkeiten findet ihr bei Betterplace.


Wenn ihr uns langfristig unterstützen könnt, damit wir die angemieteten Räume weiterhin finanzieren und fortlaufend Veranstaltungen organisieren können, freuen wir uns sehr über eine Fördermitgliedschaft! Informationen dazu gibt es hier.

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Warum disput? Zur Vereinsgründung. https://disputhek.de/warum-disput/ https://disputhek.de/warum-disput/#respond Tue, 05 Mar 2024 19:44:00 +0000 https://disputhek.de/?p=1

In Dresden sind Orte kritischer Öffentlichkeit – sofern sie noch bestehen – aufgrund des reaktionären Umfelds vielfältigen Bedrohungsszenarien ausgesetzt. Das Gleiche gilt für die darin agierenden Menschen. Entsprechend sehen viele keine Zukunftsperspektive in der Stadt und suchen andernorts nach Möglichkeiten der politischen Arbeit. Was an progressiven Strukturen noch nicht erodiert ist, erschöpft sich seit einiger Zeit häufig in aktivistischen Abwehrkämpfen gegen die extreme Rechte in Form von PEGIDA, Freie Sachsen, die AfD oder die jährlich rund um den 13. Februar stattfindenden, geschichtsvergessenen Gedenkveranstaltungen. Gekämpft wird zudem gegen den Wegfall der wenigen Freiräume dieser Stadt – man denke an den Alten Leipziger Bahnhof – und steigende Mieten. Nicht zu vergessen ist der Einsatz gegen patriarchale und sexualisierte Gewalt, dessen aktivistisch geprägte Öffentlichkeit wohl jährlich am 8. März den Zenit erreicht, und die Gegnerschaft zur sozialen Ungleichheit, wie sie in der gescheiterten „Genug ist Genug“-Kampagne ausgedrückt wurde. Aber ebenso Gedenkveranstaltungen wie jene am Holocaust-Gedenktag anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau haben einen festen Platz im hiesigen Aktivismus. Auch anlässlich der Verbrechen des 7. Oktober 2023 wurde in Dresden demonstriert, wobei die Zahl der Teilnehmenden bei Demonstrationen „gegen jeden Antisemitismus“ wesentlich überschaubarer ist, als die Partizipation an etablierten Abwehrkämpfen.

Kritische Öffentlichkeit konstituiert sich so oft nur anlassbezogen. Der Mangel einer kontinuierlichen Auseinandersetzung und Organisation über die reaktiven Kämpfe hinaus geht einher mit Erschöpfung, Frustration und Wegzug der vormals beteiligten Personen. Auch die Möglichkeit gesellschaftlicher Einordnung bleibt davon nicht unbeschadet und zeigt sich in notdürftig zusammengebastelten Kritiken: Den jeweiligen politischen Gegnern werden einerseits austauschbare „Charaktermasken“ und moralische Urteile abstrakt und äußerlich übergestülpt – besonders beliebt ist beispielsweise die geschichtsvergessene Bezeichnung als „Nazi“ –, um andererseits „hinter“ diesen Masken mit moralingesäuertem Gestus die „moralischen“ Verfehlungen der Einzelsubjekte, beliebige Parteigänger:innen der AfD beispielsweise, auszumachen. Dadurch erweisen diese sich vermeintlich als das „eigentliche“ Problem der Gesellschaft. Der Mechanismus ist gegenaufklärerisch: Er verstellt ganz grundsätzlich, Phänomene wie den Zuspruch der AfD in Sachsen als solche einer neoliberalen Gesellschaft wahrnehmen, geschweige denn begreifen zu können.

Es resultiert eine Scheindebatte, zum Beispiel wenn der Nazivorwurf zwischen AfD und Gegendemonstrant:innen hin- und herschallt. Dies hat seine tragische Vorgeschichte in akademischen Debatten, die sich von der Aufklärung bewusstloser gesellschaftlicher Verhältnisse verabschiedeten. Unfähig, Kritik aus dem Gegenstand selbst – einem gesellschaftlichen, der sich in Phänomenen ausdrückt – zu gewinnen, scheint diese nur noch durch äußerlich konstruierte Normen möglich. Getragen von einem unendlich ausdifferenzierbaren normativen Horizont, der sich für den Selbsterhalt vermeintlich kritischer Wissenschaft besser eignet als für eine kritische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, führt dies zu einem begriffslosen Agieren. Diese vermeintlich kritische Wissenschaft sucht die Phänomene lediglich als solche zu differenzieren und einzuordnen, sodass sich normative Ordnungen ergeben, die als einzelne Dinge nebeneinander stehen und unvermittelt mit ihrer gesellschaftlichen Grundlage bleiben. Das Verschwinden emanzipatorischer Politik und die Veränderungen im Selbstverständnis eines kritischen akademischen Milieus sind so zwei Seiten ein- und derselben Sache. Diese zeigt sich öffentlichkeitswirksam im – schon allein wegen der Standortkonkurrenz – notwendigen, aber ebenso verzweifelten Versuch, „beschämt über xyz“ Dresden „positiv zu besetzen.“

Theoriebildung scheint daher nicht nur dringend geboten: Angesichts der sich zuspitzenden gesellschaftlichen Widersprüche – der sogenannten multiplen Krisen – in den letzten Jahren finden sukzessive Veränderungen statt, mit denen nur schwerlich ein Umgang gefunden werden kann. So wächst die neofaschistische Bewegung trotz der weiterhin stattfindenden Abwehrkämpfe weiterhin an. Der künftige Kanzler versteht unter der Straffreiheit von Abtreibung einen „Affront“ und sächsische Politiker:innen der CDU denken in Teilen über temporale Zusammenarbeit mit der AfD nach. Autoritäre „rote Gruppen“, welche sich als Teil einer antisemitischen Internationale begreifen, fassen zugleich zunehmend Fuß – auch in Dresden. Weiterhin schwinden hiesige Freiräume und bleiben Fragen des kommunalen Wohnungsbaus offen, fehlen Schutzräume für Geflüchtete oder Betroffene sexualisierter Gewalt. Dazu kommt die Ansiedlung riesiger Chipfabriken, die die Region zum größten Mikroelektronik- und IT-Cluster in Europa entwickeln werden – wohin diese Entwicklung führt, ist ungewiss. So manifestieren sich in lokalen Fragen globale Krisendynamiken. 

Entsprechend denken wir, dass das Bedürfnis nach theoretischer Auseinandersetzung und praktischer Kritik mit und an diesen Themen für viele Menschen besteht. Doch um eine kontinuierliche Arbeit zu ermöglichen, braucht es einen Ort des Austauschs und der Zusammenarbeit. Mit der Eröffnung der disputhek möchten wir einen Ort für Kritische Theorie in Dresden etablieren und langfristig erhalten. So soll beispielsweise im Rahmen von Lesekreisen, Seminaren, Vorträgen und Plena ein solidarisches Umfeld zur Reflexion ebenjener Verhältnisse, von denen wir alle teil sind, entstehen. 

Jedoch ist dieses Vorhaben nicht ohne finanzielle Unterstützung realisierbar, die wir durch einen gemeinnützigen Verein sicherzustellen versuchen. Derzeit sind wir auf private Finanzierung und neue Vereinsmitglieder angewiesen, um den Raum für die Bibliothek fertigzustellen und Veranstaltungen zu realisieren. Die Bibliothek beinhaltet eine umfangreiche Sammlung von Büchern, darunter vor allem die Privatbibliothek Joachim Bruhns. Dabei schließt der Verein an marxistische und Kritische Theorie an und versucht den Widerspruch auszutragen, in der herrschafts- und erkenntniskritischen Reflexion den Wahrheitsanspruch einer theoretischen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht aufzugeben. 

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