Johannes Fried: Das Mittelalter (2008) – gelesen

Johannes Fried hat eine Darstellung der mittelalterlichen Geschichte und Kultur geschrieben, die für weitere Kreise bestimmt ist. Das macht sie gut lesbar, auch wenn man die zahlreichen Namen und Verwicklung bald wieder vergisst, macht sie aber auch in mancherlei Hinsicht oberflächlich: „Über Hus und die Hussiten, über die Böhmischen Brüder führte der Weg, den John Wiclif geebnet hatte, hin zu Martin Luther, der den Antichristen in Rom residieren sah, führte weiter zu Huldreich Zwingli und Johannes Calvin…“ (S. 511) – was weiß oder versteht man, wenn man solche Sätze liest? Aber wenn man für 1000 Jahre 550 Seiten zur Verfügung hat, geht es nicht ohne Bilder und Abkürzungen.

Fried macht deutlich, dass das Mittelalter keineswegs nur „finster“ war, und zeigt in seinen Ausführungen wie noch einmal im Epilog, welche Leistungen das Mittelalter erbracht hat. Unter Karl dem Großen wurde die aristotelische Logik und Dialektik wiederentdeckt, wurde in Schulen gelehrt, ermöglichte ein neues Denken und Sprechen. In der Auseinandersetzung mit den Mongolen erweiterte sich der Horizont, Unis und Schulen brachten Gelehrte, speziell auch Juristen und Notare hervor, ohne die die modernere Verwaltung und die rationale Herrschaft nicht möglich gewesen wären. Die Technik machte Fortschritte, es bildete sich eine rationale Geldwirtschaft aus, Transporte zu Lande und zu Wasser nachmen zu, das Weltbild veränderte sich (Kugelgestalt der Erde), die Bildung von Nationen begann, nur Deutschland zersplitterte sich, teils in der Folge des Kaisertums und seiner unseligen und teuren Züge nach Italien; Herrschaft wurde ausgebaut und begrenzt, die reichen Bürger in den Städten meldeten sich zu Wort: Die Einheit Europas wurde begründet.

Mich als ehemaligen Lehrer hat vor allem beeindruckt, welch große Bedeutung die Einsicht in die Grammatik des Satzes, das Verständnis der Kategorien des Aristoteles und der Ausbau der Schulen in Klöstern und Städten hatte.

https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Fried

Manfred Geier: Die Liebe der Philosophen (2020) – gelesen

Von diesem Buch Manfred Geiers bin ich enttäuscht. Es ist oberflächlich sowohl in der Behandlung des Themas wie auch in der Form der Darstellung. Beginnen wir mit dem Thema: Die Liebe der Philosophen geht uns nur etwas an, wenn sie in Zusammenhang mit ihrem Denken steht; den Blick durchs Schlüsselloch sollte man sich als Philosophierender verbieten, dieser Blick ist etwas für BILD und die Yellow Press.

Ich habe für die ersten drei besprochenen Philosophen ergänzend zu Geiers Darstellung den Artikel im „Metzler Philosophen Lexikon“ (1989) gelesen. Darin erfährt man wesentlich mehr über Sokrates (gut 4 Seiten), Augustinus (gut 4 Seiten) und Rousseau (gut 6 Seiten) als bei Geier. Und vor allem: Die Liebe oder die Sexualität hat für Sokrates‘ Denken keine Rolle gespielt; das von Geier neben der Biografie (Xanthippe als seine Frau) strapazierte „Symposion“ Platons ist eine Art philosophischer Roman und hat mit dem realen Sokrates nichts zu tun – der hat keine großen Reden gehalten. Bei Augustinus, der als Philosoph unbedeutend, als Theologe dagegen ein abendländischer Riese war, ist die intensiv gelebte Sexualität des jungen Mannes erst in der Rückschau der „Bekenntnisse“ als Hindernis für seine Bekehrung zum Christentum bedeutsam (wobei der Bericht der Confessiones „kaum als authentisch anzusehen ist“, so Peter Habermehl im Philosophen Lexikon) und hat später in seiner verhängnisvollen Theorie der Erbsünde zur Verteufelung der Sexualität geführt. Rousseaus „Bekenntnisse“ seiner sexuellen Erfahrungen oder Verfehlungen nutzt dieser „zum ausschließlichen Bekenntnis zu sich selbst und seiner unvergleichlichen Individualität (…), um mit der Fundierung in der autobiographischen Erfahrung zugleich die Überzeugungskraft seiner Geschichtsphilosophie zu stärken“ (so Matthias Schmitz, Philosophen Lexikon). Man muss also die „Bekenntnisse“ Rousseaus insgesamt kritisch würdigen (eine eitle, selbstgefällige Inszenierung, finde ich), um seine Äußerungen über seine Liebe einzuordnen. Bei allen drei genannten Männern versagt Geiers Darstellung.

Kant ist in dieser Darstellung aufgrund seiner asketischen Lebensweise fehl am Platz, Alexander von Humboldt war sicher kein Philosoph, Wilhelm von Humboldts Amouren sind für sein Denken bedeutungslos, ähnlich wie bei Wittgenstein dessen „gehemmtes Begehren“ (Geier); Heideggers zahlreiche Seitensprünge und ihre großartige Stilisierung in seinen Briefen widersprechen seiner Philosophie („Sein und Zeit“) völlig. Bleiben de Sade und Foucault als Männer, deren Denken und Leben nicht von Liebe, sondern von wildester Sexualität bestimmt war. Als letzter ist Kierkegaard zu nennen, dessen stets scheiternde Leibe zu Regine Olsen sein Denken wesentlich bestimmt hat – neben dem Sündentrauma der Familie Kierkegaard. Die „Unmöglichkeit“ seiner Liebe kann man meines Erachtens aber nicht aus ideologischen (theologischen oder philosophischen) Konstruktionen verstehen, wie Kierkegaard dies selbst versucht hat, sondern nur distanziert psychologisch: Stichwort „vermeidender Bindungsstil“.

Vermeidender Bindungsstil ist ein unsicherer Bindungstyp, der sich aus frühen Kindheitserfahrungen entwickelt, wenn emotionale Bedürfnisse unzuverlässig oder ablehnend erfüllt wurden. Betroffene wünschen sich oft Nähe, fliehen sie aber gleichzeitig, um Schmerz und Verletzbarkeit zu vermeiden. Dies führt zu einem inneren Konflikt zwischen dem Wunsch nach Verbundenheit und der Angst vor Überforderung oder Zurückweisung.

Ursachen und Entstehung

  • Kinder lernen, dass emotionale Bedürfnisse nicht erfüllt werden, z. B. durch Ignoranz, Kritik oder Strafen für Gefühlsäußerungen.
  • Beispiele: „Reiß dich zusammen!“, Ignorieren von Trauer oder Freude, übermäßige Strenge.
  • Das Kind entwickelt eine Überlebensstrategie: Distanzierung und Unterdrückung von Gefühlen, um sich vor emotionaler Verletzung zu schützen.

Kennzeichen und Verhaltensmuster

  • Vermeidung von Nähe: Körperliche und emotionale Intimität werden gemieden.
  • Distanzierung in Beziehungen: Partner*innen werden auf Distanz gehalten, auch wenn die Beziehung gut läuft.
  • Typische Verhaltensweisen:
  • Kein „Ich liebe dich“ oder andere klare Liebeserklärungen.
  • Vermeiden von gemeinsamen Zukunftsplänen oder langfristigen Verpflichtungen.
  • Rückzug bei Konflikten (Schweigen, Zimmertür zu, Mauern).
  • Idealisierung oder Abwertung des Partners – keine „Graustufen“ in der Wahrnehmung.
  • Geheimnisse bewahren, um Unabhängigkeit zu wahren.
  • Körperliche Nähe vermeiden (z. B. kein Händchenhalten, Schlafen in getrennten Betten). […] (so bei brave)
  • Kurz zur Kritik am Stil Geiers: „Ihre überschwängliche Liebe und seine abgeklärte Verantwortung ließen sich nicht miteinander verbinden.“ (S. 207, zu Kierkegaard, aus dessen Sicht – Geschwätz). „Eine geistreiche dialektische Reflexion und eine grandiose phantasievolle Einbildungskraft hatten ein Werk entstehen lassen, das den Widerstreit von ästhetisch-erotischem Genuss und ethisch begründeter Pflicht in seiner ganzen Komplexität gestaltet.“ (S. 211, wieder zu Kierkegaard – was weiß oder versteht man, wenn man solchen Schwulst liest?) Oder zu Wittgenstein, wobei Geier teilweise wieder den Standpunkt des genannten Philosophen einnimmt: „Die strenge Trennung der Geschlechter führte zu ersten gleichgeschlechtlichen Begehrlichkeiten; und Schuldgefühle, die nur durch den Tod gesühnt werden konnten [sic!], waren in einem gesellschaftlichen Klima nicht ungewöhnlich., in dem die Sexualität tabuisiert wurde (…).“ (S. 222 f., – ohne Kommentar)

Fazit: 1. Manfred Geier hat ein überflüssiges Buch geschrieben. 2. Im Metzler Philosophen Lexikon erfährt man auf wenigen Seiten wesentlich mehr über die Philosophen als bei Geier. 3. Vermutlich würde man einige der besprochenen Autoren besser durch andere ersetzen.

https://www.perlentaucher.de/buch/manfred-geier/die-liebe-der-philosophen.html

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/manfred-geiers-werk-ueber-die-sexualitaet-der-grossen-philosophen-17067101.html

https://www.badische-zeitung.de/manfred-geiers-buch-die-liebe-der-philosophen

Über die historisch schreckliche Verteufelung der Sexualität:

https://www.mittelalter-entdecken.de/sexualitaet-christentum/

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/197973/erfindungen-von-suende-und-geschlecht/

https://www.der-vermeidende-bindungsstil.de/blog/sexualitt-beim-vermeidenden-bindungsstil-zwischen-intimitt-und-distanz

Manfred Geier: Geistesblitze (2013) – gelesen

Ich kannte bereits mehrere Bücher von Manfred Geier; er schreibt anschaulich und verständlich; so ist auch sein Buch „Geistesblitze. Eine andere Geschichte der Philosophie“ verfasst. Er hat nämlich nicht „die Lehre“ einzelner Philosophen dargestellt (Parmenides, Descartes, Rousseau, Kant, Hamann, Nietzsche, Popper), sondern berichtet, wie ihnen entscheidende Gedanken in einer Art Geistesblitz gekommen sind. Für den philosophischen Geistesblitz (bei Hamann ist es eher eine religiöse Bekehrung!) erkennt Geier einen typischen Dreischritt: „Es beginnt mit Krisenerfahrungen, sei es gedanklicher, sei es existenzieller Art, die zutiefst irritieren.“ Gewöhnlich versuche man, sie durch ruhiges Nachdenken zu lösen. Doch ein Geistesblitz „löst nicht nur das irritierende Grundproblem des jeweiligen Denkers, sondern öffnet auch seinem Lebensweg eine neue Perspektive. Mit dieser plötzlich gewonnenen Einsicht kann er sich als Philosoph jedoch nicht zufriedengeben. Er muss sie zu einer Werkidee weiterentwickeln, die es in mühsamer Denkarbeit maßgebend auszuführen gilt. Erst damit gewinnt der Geistesblitz eine epochale Wirkung, die den augenblicklichen Einfall zu einem philosophiegeschichtlichen Ereignis macht.“

Was er hier zum Geistesblitz schreibt, kann er in den sieben genannten Fällen nur teilweise einlösen. Von Parmenides wissen wir wenig, aber Wichtiges, was man hier wirklich verstehen kann; Descartes hat seine Erleuchtung zum „cogito ergo sum“ (dessen Deutung umstritten ist) selber erzählt, von Rousseaus Erleuchtung über die ursprüngliche Güte des Menschen gibt es vier verschiedene Fassungen aus seiner Feder; was die Lektüre Rousseaus für Kant wirklich bedeutet hat, ist umstritten. Bei Hamann handelt es sich um eine religiöse Bekehrung, die darauf beruht, dass er in der Geschichte Israels auf dessen Weg ins Gelobte Land seinen eigenen Lebensweg wiedererkennt. Nietzsche Erleuchtung am See von Silvaplana (der Gedanke der ewigen Wiederkehr) hat eher für ihn als für uns eine große Bedeutung gehabt. „Die Logik der Wissenschaften besteht in einem nicht beendbaren Zusammenspiel von schöpferischen Verbesserungsvorschlägen und kritischer Fehlerkorrektur, von Vermutungen und Widerlegungen, von Versuch und Irrtum: Das ist die Grundidee, die Popper 1929 wie ein Licht aufgegangen ist.“ Aber kann eine solche Idee das eigene Leben verändern? – Es scheint, dass der Autor sich von Dieter Henrichs Buch „Werke im Werden“ (2011) hat anregen lassen, s. Henrichs Biografie in der Wikipedia!

Ich habe das Buch mit Freude gelesen und zum Schluss gemerkt, wie elegant Manfred Geier Anfang und Ende verbindet: Er beginnt mit Xenophanes, dem großen Aufklärer und Skeptiker, als Lehrer des Parmenides, und schließt mit Popper, der am Ende bekennt, dass er eigentlich das Gleiche wie Xenophanes gedacht hat.

Ich habe einige Links zu ausgewählten Themen gesucht. Vielleicht sollte man sich einmal intensiver mit Hamann als Denker der Geschichte und der Sprache als unseren Aprioris befassen?

Geistesblitz:

https://www.deutschlandfunk.de/der-geistesblitz-zum-phaenomen-der-ploetzlichen-erkenntnis-102.html

https://www.deutschlandfunk.de/der-geistesblitz-zum-phaenomen-der-ploetzlichen-erkenntnis-100.html

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/neurowissenschaften-rezept-fuer-geistesblitze

https://www.scinexx.de/news/biowissen/warum-wir-geistesblitzen-vertrauen-sollten/

https://www.geo.de/wissen/gesundheit/inspiration–der-moment–bevor-ein-geistesblitz-entsteht-35975706.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Geistesblitz

Blitz als Metapher:

https://symbolonline.eu/index.php?title=Blitz

https://www.wisdomlib.org/de/concept/blitz

https://de.wikisource.org/wiki/Christliche_Symbolik/Blitz

https://www.schwabeonline.ch/schwabe-xaveropp/elibrary/start.xav?start=%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27verw.fulguration%27%20and%20%40outline_id%3D%27hwph_verw.fulguration%27%5D

Rousseau:

https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/7419/1/Wenderholm_Verwirrung_Schwindel_Herzklopfen_2010.pdf (zu Rousseaus Erleuchtung)

https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Jacques_Rousseau (großer Artikel)

https://iep.utm.edu/rousseau/ (große Übersicht über die einzelnen Werke)

https://plato.stanford.edu/entries/rousseau/ (systematische Übersicht über das Werk)

Hamann:

https://www.deutsche-biographie.de/gnd11854523X.html#ndbcontent (1966)

https://www.deutsche-biographie.de/gnd11854523X.html#adbcontent (1879)

https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Georg_Hamann

https://plato.stanford.edu/entries/hamann/ (systematisch)

https://iep.utm.edu/hamann/ (knapper)

https://archive.org/details/11720432bsb/page/n7/mode/2up (Hamanns Schriften und Briefe, Bd. 1)

https://archive.org/details/11720433bsb/page/n3/mode/2up (dito, Bd.2)

https://archive.org/details/11720434bsb/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 3)

https://archive.org/details/11720435bsb/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 4)

Es gibt bei archive.org auch eine ältere Ausgabe seiner Schriften, von Friedrich Roth, 1821 ff.: https://archive.org/details/hamannsschrifte02hamagoog/page/n8/mode/2up usw.

https://archive.org/details/johanngeorghaman01poeluoft/page/n9/mode/2up (Poel: Hamanns Leben aus seinen Schriften, Bd. 1, 1874)

https://archive.org/details/johanngeorghaman02poeluoft/page/n5/mode/2up (Poel: Sein Leben und Mitteilungen aus seinen Schriften, Bd. 2, 1876)

https://archive.org/details/11602989bsb/page/n3/mode/2up (Herders Briefe an Hamann, mit Erläuterungen)

St. Höfler: Helsin Apelsin und der Spinner (2021) – gelesen

Helsin Apelsin und der Spinner (2021) ist ein „Roman für Kinder“. Er ist gelungen insofern, als darin von den Problemen der Kinder einer zweiten Klasse erzählt wird:

Ein neuer Junge kommt aus Schweden in die Klasse, Louis.

Er gibt dem dynamischsten Mädchen Helsin einen Spitznamen.

Das Mädchen schlägt ihn, es rastet manchmal aus (hat einen „Spinner“).

Er ist ungewöhnlich intelligent.

Das Mädchen klaut seinen Leguan.

Es verstrickt sich in Lügen und bekommt Probleme mit seinen Eltern.

Es stiehlt deshalb zu Hause Geld, weil es fliehen will.

Es freundet sich mit dem Neuen an und arbeitet mit ihm in einem Projekt hervorragend zusammen.

Dadurch wird sein bisheriger Freund Tom zurückgestoßen, der das Bild der beiden heimlich zerreißt.

Dramatisiert wird das Geschehen dadurch,

dass Helsin ein Adoptivkind aus Finnland ist,

dass nach Jahren sich seine richtige Großmutter meldet (woher kannte sie Namen und Adresse?),

dass der Opa des Neuen herzkrank im Altersheim liegt,

dass er mit den Kinder heimlich ein bislang verstecktes Boot besteigt und fährt,

dass er dabei einenHerzanfall bekommt,

dass Helsin ihren Eltern Versprechen gibt, die sie nicht ehrlich hält…

Zum Schluss wird alles gut: Der Opa wird gerettet, Helsin gesteht notgedrungen alles, die Eltern lieben sie nach wie vor und der alte Freund Tom versöhnt sich wieder mit Helsin. Und sie besiegt zum Schluss ihren Spinner, wozu Louis’ Opa beiträgt, der gesteht, früher auch einen gewaltigen Spinner gehabt zu haben. Zum Schluss ist die Welt nicht nur in Ordnung, sondern sogar noch schöner geworden: Alle Probleme sind gelöst, alle haben sich lieb, was nach den etwas bemühten Dramatisierungen noch stärker wirkt

Sprachlich ist die Autorin Stefanie Höller ein bisschen unbedarft; es wird mir einfach zu viel gegrinst, und die Kinder sprinten, zischen, rasen und galoppieren auch dann, wenn es sachlich unangemessen oder unmöglich ist. Vermutlich meint sie, das müsse in einem Roman für Kinder so sein. Trotzdem (oder deshalb?) liest sich das Buch flott; die Zeichnungen von Anke Kuhl sind für das erzählte Geschehen belanglos.

Auseinandersetzung mit Descartes

Descartes ist einer der bedeutenden Philosophen der Neuzeit, der mit dem absoluten Rückgang auf des denkende Ich (cogito ergo sum) eine letzte Selbstvergewisserung versucht hat.

Mit seiner Theorie der zwei Substanzen, der gemäß die Tiere nur Maschinen seien, hat sich früh La Fontaine auseinandergesetzt, und zwar in der „Betrachtung, der Frau de la Sablière gewidmet“ (Discours a Madame de la Sablière), die am Ende von Buch IX seiner Fabeln steht: https://www.projekt-gutenberg.org/fontaine/fabeln1/chap191.html

Decamerone (14. Jahrhundert) – angelesen

Das Decamerone gilt als eines der großen Werke der Weltliteratur, verfasst im 14. Jahrhundert. Ich hatte mir vorgenommen, es nach und nach zu lesen; man kann ja nach jeder der 100 Novellen eine beliebig lange Pause einlegen, da nur jeweils 10 thematisch verwandt sind. Die schwankartigen Novellen stammen aus der arabischen und französischen Erzähltradition und sind von Boccaccio überarbeitet worden. Man liest, sie böten auch heute noch eine vergnügliche Lektüre; dem kann ich nur in engen Grenzen zustimmen – für ihre Zeit mögen sie teilweise frivol geklungen haben, aber heute ist das insgesamt eher mittelmäßige Schwank- und Abenteuerliteratur, von einzelnen Perlen abgesehen. Nach Lektüre der ersten 20 Novellen habe ich das Handtuch geworfen – für sprach- oder kulturgeschichtlich Interessierte mögen sie noch einen Reiz haben, für andere Leser gibt es mehr als reichlich Alternativen.

P.S. WordPress.com spinnt heute völlig; die Reklame will ich nicht haben, dafür fehlt der wichtigste Link, nämlich der von getabstract, der durch das blöde Bild ersetzt wird.

Das Dekameron

William Faulkner: Licht im August (1932) – gelesen

William Faulkners Roman „Licht im August“ ist großartig, unbedingt lesenswert, auch für eine zweite Lektüre gut genug. Man kann streiten, ob es zwei oder drei Hauptfiguren gibt: eine junge schwangere Frau, Lena, die sich kurz vor der Entbindung aufmacht, den flüchtigen Vater ihres Kindes zu suchen, der versprochen hatte, sie nachkommen zu lassen. Als dieser mit List zu seinem Kind und seiner Mutter geführt wird, spuckt er große Töne und flieht durch das Fenster; sie macht sich bald darauf erneut auf, ihn zu suchen – damit endet der Roman. Die zweite Figur ist Christmas, zuerst im Waisenhaus und dann bei einem grausamen „gläubigen“ Mann und seiner sanften Frau aufgewachsen, der glaubt, in seinen Adern fließe auch „Niggerblut“; seine Lebensgeschichte wird nach und nach aufgedeckt, so dass er immer deutlichere Konturen gewinnt. Er ist ein fleißiger Arbeiter, dealt illegal mit Whisky und hat ein Verhältnis mit einer weißen Frau, die er nach drei Jahren ermordet, als sie ihn für die Betreuung der Neger gewinnen will. Die dritte Figur könnte ein abgesetzter Pastor sein, dem die Frau weggelaufen ist, der mit seiner Berufung nicht klarkommt und der an einem Großvaterkomplex leidet: Opa hatte im Bürgerkrieg gekämpft und war erschossen worden.

Um diese Drei herum gruppieren sich weitere Figuren und der Süden der USA mit seiner ganzen Härte und Hilfsbereitschaft, mit offizieller „Moral“, viel Bigotterie und dem Gegensatz zwischen Schwarzen und Weißen.

In den ersten vier Links findet man das erzählte Geschehen, im fünften eher eine Analyse des Romans.

https://de.wikipedia.org/wiki/Licht_im_August

https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/licht-im-august/6820

https://www.deutschlandfunk.de/voll-leidenschaft-und-hass-100.html

https://www.dieterwunderlich.de/Faulkner_licht_im_august.htm

https://radiohoerer.info/william-faulkner-licht-im-august-das-unbekannte-meisterwerk/

https://www.perlentaucher.de/buch/william-faulkner/licht-im-august.html (Übersicht: Rezensionen der Neuübersetzung)

Roberto Bolaño: 2666 – gelesen

Der Roman ist ein Monster; in meiner Ausgabe geht der Text bis S. 1085, es folgen ein Nachwort und gut zwei Seiten Erläuterungen zu mexikanischen Wörter. Er besteht aus fünf Büchern, die aber durch die auftretenden Figuren und die Orte miteinander verbunden sind.

Worum es insgesamt geht, ist schwer zu sagen. Den Rahmen bildet die Suche nach dem berühmten Schriftsteller Benno von Arcimboldi (Buch 1), den niemand kennt und der sich in Mexiko aufhalten soll, und seine Lebensgeschichte (Buch 5): ein Deutscher aus Ostpreußen, Hans Reiter, der eine deutlich jüngere Schwester hat, Soldat im Zweiten Weltkrieg wird, im Kriegsgefangenenlager einen anderen, der 500 Juden hat erschießen lassen, nachts erwürgt, nach seiner Entlassung jobt und schließlich zu schreiben beginnt. In Hamburg findet er schließlich einen Verleger, nennt sich Benno von Arcimboldi und liefert in kurzer Zeit eine Reihe von Romanen ab.

Der Sohn seiner Schwester war in die USA ausgewandert, war öfter mit dem Gesetz in Konflikt geraten, deshalb nach Mexiko ausgewandert, hatte einen florierenden Computerladen und war dann verhaftet worden, weil man ihm vorwarf, für die Frauenmorde in Santa Teresa verantwortlich zu sein. Seine Mutter versucht, ihm zu helfen, und zum Schluss bricht Arcimboldi nach Mexiko auf – das ist dann die Vorgeschichte zu Buch 1, hier schließt sich der Kreis.

Viele Leser sehen in den Ereignissen in Santa Teresa, Mexiko, nahe der Grenze zu den USA, und dann speziell in den sämtlich unaufgeklärten Frauenmorden den Kern des Romans – schließlich werden im Lauf der Jahre dort 400 Frauen ermordet. Aber nach der Ermordung Tausender, vielleicht Zig-Tausender Demonstranten im Iran (Januar 2026) und einen Tag nach dem Auschwitz-Gedenktag (6.000.000 systematisch ermordete Juden) fragt man sich abgebrüht: Was sind schon 400 tote Frauen? Diese Passage, Buch 4, habe ich großenteils übersprungen: eine Frau nach der anderen ermordet, anal und vaginal vergewaltigt, ihre Lebenssituation, kurze erfolglose Ermittlungen, und dann der nächste Mord, eine eintönige Geschichte.

Wenn man perplexity fragt: Worum geht es in dem Roman, bekommt man folgende Antwort:

Worum geht es in dem Roman 2666 von Roberto Bolano?

 

„2666“ ist ein monumentaler, fünfteiliger Roman, der lose durch eine nordmexikanische Grenzstadt namens Santa Teresa, eine Serie von Frauenmorden und die Figur des geheimnisvollen deutschen Schriftstellers Benno von Archimboldi zusammengehalten wird. Er verbindet Liebesgeschichten, Kriminalfall, Kriegsroman und Schriftstellerbiografie zu einem sehr düsteren Panorama von Gewalt, Moderne und „Weltliteratur“.

Aufbau und Handlung in groben Zügen

Der Roman besteht aus fünf Teilen, die je eigene Handlungsstränge haben, aber auf Santa Teresa und Archimboldi zulaufen.

  • Teil 1 („Der Teil der Kritiker“): Vier Literaturwissenschaftler aus Europa sind besessen von dem schwer fassbaren deutschen Autor Archimboldi und reisen schließlich nach Santa Teresa, wo er gesehen worden sein soll; ihre Suche verläuft im Nichts, und nebenbei zerbricht ihr Liebes  und Freundschaftsgeflecht.
  • Teil 2 („Der Teil von Amalfitano“): Der chilenische Professor Amalfitano lebt mit seiner Tochter Rosa in Santa Teresa und wird zunehmend paranoid, weil er die Stadt wegen der Gewalt gegen Frauen als tödliche Bedrohung für sie empfindet.
  • Teil 3 („Der Teil von Fate“): Der afroamerikanische Journalist Oscar Fate kommt für einen Boxkampf in die Stadt, gerät in die Partyszene, lernt Rosa kennen und versucht schließlich, sie vor der Gefahr in Santa Teresa in Sicherheit zu bringen.
  • Teil 4 („Der Teil der Verbrechen“): Über Hunderte von Seiten werden die Morde an Frauen in und um Santa Teresa protokolliert – oft Arbeiterinnen der Maquiladoras –, dazu Polizeiarbeit, Korruption und der Fall des Deutschen Klaus Haas, der als Verdächtiger im Gefängnis sitzt, während die Morde weitergehen.
  • Teil 5 („Der Teil von Archimboldi“): In einer großen Rückblende wird das Leben von Hans Reiter alias Benno von Archimboldi erzählt, einem deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs, der zum Schriftsteller wird und dessen Biografie schließlich eine Verbindung zu Santa Teresa und den Verbrechen erhält.

Zentrale Themen

„2666“ kreist vor allem um strukturelle Gewalt, insbesondere gegen Frauen, und darum, wie Gesellschaften das Böse normalisieren oder ignorieren. Die nicht aufgeklärte Mordserie in Santa Teresa ist an die realen Frauenmorde von Ciudad Juárez angelehnt und bildet den apokalyptischen Kern des Buches.

Daneben reflektiert der Roman die Rolle der Literatur: Kritiker, Schriftsteller und Leser versuchen Sinn zu erzeugen, stoßen aber auf Leere, Zufall und Chaos. Form und Umfang des Werks selbst wirken wie ein Weltmodell – ein Netz aus Episoden, Spuren und Andeutungen, in dem es keinen klaren „Haupthelden“ und keine eindeutige Auflösung gibt.

In der Wikipedia und bei getabstract (die beiden ersten Links) findet man ähnliche, jedoch ausführlichere Übersichten. – Um Leere, Zufall und Chaos aufzuzeigen, hat Kafka keine 1000 Seiten gebraucht.

Eine Reihe von mexikanischen Wörtern musste ich nachschlagen (sagte man früher), weil die Erläuterungen am Ende zu knapp sind; „Epitufe“ habe ich nirgendwo finden können. Gelegentlich stößt man auf grammatische Schnitzer („zum Arena“, „in einem der Zellen im Keller“, „mit Hilfe einer rechtlichen Schliche“), die Vielzahl der Namen verwirrt einen.

Was sind wir inmitten der Unergründlichkeit des Alls? Welche Erinnerung wird an uns bleiben?“ (S. 874)

https://de.wikipedia.org/wiki/2666_(Roman)

https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/2666/34737

https://lernlitlmu.hypotheses.org/5462 (eigenwillige Deutung)

https://www.reddit.com/r/books/comments/1hh0kaa/thoughts_on_2666/?tl=de (Leserkommentare)

https://www.perlentaucher.de/buch/roberto-bolano/2666.html (Referat der Rezensionen in den großen dt. Zeitungen)

W. G. Sebald: Austerlitz (2001) – kritisch gelesen

Dieser Roman ist mir als einer der ganz großen Romane empfohlen worden, und wenn man in die Kritiken und Besprechungen schaut, findet man diesen Ton öfter – aber man findet auch deutliche Kritik sowohl an der Sprache wie an der Art, wie Sebald sich mit Werken anderer Autoren auseinandersetzt.

Den Inhalt kann man in den ersten drei Links leicht nachlesen: Ein Ich-Erzähler trifft auf einen Herrn Austerlitz, mit dem ihn das Interesse an Architektur verbindet und der ihm im Verlauf vieler Jahre bei gelegentlichen Treffen seine Lebensgeschichte erzählt. Im Alter von 4 Jahren ist er 1939 mit einem Kindertransport nach England vor den Nazis in Sicherheit gebracht worden, bei einem schrecklichen Pfarrer aufgewachsen, spät über seine Identität aufgeklärt worden, traumatisiert und in Beziehungen zu anderen gestört – so versucht er, das Schicksal seiner Eltern zu erforschen, wobei er für die Mutter auf das Lager Theresienstadt stößt, während die Spur des Vaters sich in Paris verliert.

Ich kann die Begeisterung über den Roman nicht teilen. Einmal finde ich seine Sprache teilweise manieriert, so wenn er häufig im Nebensatz das Verb nach vorn zieht („daß wir warten mußten in einem grün gestrichenen Raum“) und wenn er konsequent im Perfekt „haben“ durch „sein“ ersetzt („bin über den Zeitungen gesessen“, „bin gestanden“ etc.). Zum anderen erzeugt Sebald einen Schein von Tiefsinn; so berichtet Austerlitz von einem Besuch in Theresienstadt, wo er in einem Laden hundert verschiedene Dinge sieht, von denen er Antwort „auf die vielen, nicht auszudenkenden Fragen, die mich bewegten“, erwartet: „Was bedeutet das Festtagstischtuch mit weißer Spitze, das über der Rückenlehne der Ottomane hing, der Wohnzimmersessel mit seinem verblaßten Brokatbezug? Welches Geheimnis bargen die drei verschieden großen Messingmörser (…)?“ Ganz einfach, das Tischtuch bedeutet gar nichts, und die Messingmörser bergen auch kein Geheimnis – nur das Raunen des Erzählers erzeugt die Atmosphäre eines Geheimnisses.

Die fragwürdige Mystik wird am stärksten in dem sichtbar, was Protagonist Austerlitz über die Zeit sagt. In seinem ersten Vortrag über die Zeit (S. 145-148 in der Ausgabe der SZ-Bibliothek, 2008) macht er deutlich, dass seine Einschätzung der Zeit als etwas Künstliches und Schwankendes dem Wunsch entspringt, das Geschehene (die Ermordung der Eltern etc.) ungeschehen zu machen; auf eine Kritik einzelner Aussagen hier verzichte ich. Erwähnt sei die seltsame Erfahrung, dass ein Zimmer über Jahrzehnte abgesperrt und unverändert geblieben ist (S. 156 f.). Rätselhaft ist die Äußerung Austerlitz‘, es gebe für ihn Augenblicke „ohne Anfang und Ende“, sein Leben sei manchmal für ihn „wie ein blinder Punkt ohne jede Dauer“ (S. 169); speziell unter der letzten Aussage kann ich mir nichts vorstellen. Erschöpft von der Denk- und Erinnerungsarbeit fühle er, „wie die Zeit sich zurückbiegt in mir“ (S. 172); das verstehe ich nicht. Eine Anwandlung hat Austerlitz in einem Bahnhof erlebt, wo die Erinnerungen sich ineinander verschachtelten und der Wartesaal „alle Stunden meiner Vergangenheit“ enthalten habe (S. 196) – wiederum rätselhaft. Im Anschluss an den Bericht von einem Traum von seinen Eltern: „Es scheint mir nicht, sagte Austerlitz, daß wir die Gesetze verstehen, unter denen sich die Wiederkunft der Vergangenheit vollzieht“; es komme ihm vor, „daß wir, die wir uns am Leben befinden, in den Augen der Toten irreale und nur manchmal, unter bestimmten Lichtverhältnissen und atmosphärischen Bedingungen sichtbar werdende Wesen sind“ (S. 265). Dazu sage ich: Es gibt keine Gesetze für die Wiederkunft der Vergangenheit, und über die Augen oder Sicht der Toten zu spekulieren ist blanker Unsinn – Mystizismus. [Sprachlich: Wir sind am Leben oder befinden uns im Leben.] Man könnte auch noch Stellen auf S. 314 und 363 erwähnen, aber das Bisherige reicht: Aus dem verständlichen, jedoch utopischen Wunsch, das Geschehene ungeschehen zu machen, verfällt Austerlitz auf eine krude Zeitmetaphysik, die nur scheinbar tiefsinnig ist. So bewältigt man den Holocaust nicht, Herr Sebald.

Eine weitere Frage wäre, ob die massiven Zusammenbrüche des Herrn Austerlitz seinem Lebensweg angemessen sind oder ob sie das erzählte Geschehen erzähltechnisch dramatisieren sollen. Dazu hatte ich mir aber keine Aufzeichnungen gemacht. Wie bemüht die Sicht von Austerlitz/Sebald ist, zeigt die Benennung „Mordstadt Bacharach“: Im späten 13. Jahrhundert kam es im Rheinland nach dem vermeintlichen Ritualmord an Werner von Bacharach zu einer großen Judenverfolgung. Vielleicht sollte man heute eher von anderen Mordstädten sprechen?

https://de.wikipedia.org/wiki/Austerlitz_(Roman)

https://www.deutschlandfunk.de/austerlitz-102.html (mit großen Zitaten)

https://literaturkritik.de/id/3909 (ausführlich, begeistert)

https://www.belletristik-couch.de/titel/3626-austerlitz/

https://www.dw.com/de/w-g-sebald-austerlitz/a-44899438

https://lehrerfortbildung-bw.de/u_sprachlit/deutsch/gym/bp2016/fb13/2_alle/sebald_austerlitz_2001/

https://www.dieterwunderlich.de/Sebald_Austerlitz.htm

https://www.perlentaucher.de/buch/w-g-sebald/austerlitz.html (Übersicht über die großen Rezensionen)

https://de.wikipedia.org/wiki/W._G._Sebald

https://taz.de/Diskussion-ueber-den-Autor-W-G-Sebald/!5618861/ (über Sebald)

https://taz.de/Debatte-um-Schriftsteller-W-G-Sebald/!5820753/ (über Sebald)

Uri J. Katz: Aus dem Nichts kommt die Flut (2015/24) – gelesen

Dieser Roman ist ein Labyrinth, und am Ende weiß man nicht, ob man den Ausgang gefunden hat. Der Ich-Erzähler tritt unter den Namen des Autors auf und berichtet von der Suche nach einer Novelle, die dem Tschechen Pawel Klemczek zugeschrieben wird und von der nur ein Teil bekannt ist. Klemczek gilt als ein Mann, der Kafka beeinflusst hat. Im Lauf des Erzählung stellt sich dann heraus, dass dieser Klemczek ein Angestellter war, der nie etwas geschrieben hat – sein Name diente einer Gruppe tschechischer Schriftsteller dazu, gemeinsam eine Novelle „Der Mann, dem das Gesicht im Grimm erstarrte“ zu schreiben; für den besten Beitrag sollte es ein Preisgeld geben. Das alles spielt vor und nach Kafkas Tod. Einzelne Beiträge stehen dann als Solitäre im Roman.

Einer der Schriftsteller, die sich an dieses Unternehmen gemacht hatten, war Uri Jitzchak Katz, der 1948 in den Kämpfen der Juden in Palästina gefallen ist. Sein Enkel gleichen Namens ist der Ich-Erzähler, der verschiedene Leute befragt und auch Material der Armee aus dem Jahr 1948 findet und benutzt – das Jahr, in dem sein Großvater den Schluss der Geschichte schreiben sollte. Das ist eine zweite Ebene: wie Manuskripte in den kriegerischen Auseinandersetzungen transportiert und von einer Sekretärin Zippora getippt werden sollten. Ein Teil der Figuren taucht dann in der zeitlichen Gegenwart des Erzählers wieder auf.

Ein weiterer Erzählstrang ist eine SF-Geschichte, in der neue Menschen direkt ohne Sprache miteinander kommunizieren können; ihr Chef ist der oberste Prophet Max. Sie beherrschen die alte Gattung sapiens, deren Mitglieder in Kolonien als „Krüppel“ leben; bei der Begegnung der beiden Gattungen kommt es zu verwirrenden Ereignissen, auch zu einer großen Liebesgeschichte. – Aber damit sind noch nicht alle Erzählstränge erfasst; man müsste den Roman mindestens zweimal lesen und sich dabei Aufzeichnung machen und Namenregister anlegen, um wirklich einen Überblick zu gewinnen.

Eine Eigenheit der labyrinthischen Erzählung besteht darin, dass manche Namen neben Uri Katz doppelt auftauchen, so etwa Julia, so dass man nachher vor lauter Julia nicht mehr durchblickt, welche Julia was ist. Nur Leila, in die viele verliebt sind, ist einmalig – und sie verschwindet.

Ich habe den Roman mit großer Begeisterung gelesen und werde ihn mir garantiert ein zweites Mal zu Gemüte führen.

https://bilder.deutschlandfunk.de/59/29/e7/0f/5929e70f-7ba3-466f-ac70-03e301532b2c/uri-jitzchak-katz-aus-dem-nichts-kommt-die-flut-100.pdf (kritisch)

https://www.perlentaucher.de/buch/uri-jitzchak-katz/aus-dem-nichts-kommt-die-flut.html (Zusammenfassung zweier Besprechungen) brave

https://whatchareadin.de/community/threads/rezension-3-5-zu-aus-dem-nichts-kommt-die-flut-von-uri-jitzchak-katz.38436/ brave

https://www.sueddeutsche.de/kultur/uri-jitzschak-katz-aus-dem-nichts-die-flut-roman-israel-1.7252866?reduced=true

Deena Mohamed: Shubeik Lubeik (2022/2025) – gelesen

Es war eine Empfehlung in der SZ, es ist ein Weihnachtsgeschenk für mich: ein schönes Buch, Deena Mohameds „Shubeik Lubeik“: eine graphic novel, die man von hinten nach vorn liest und von rechts nach links, weil sie aus dem Ägyptischen (von Laila und Resel Rebiersch) übersetzt ist. Es geht um das Wünschen und seine Problematik.

Wünschen ist, so lernt man in dem Buch, strenggläubigen Moslems nicht erlaubt, weil es Gottes Güte in Frage stellt. Und wenn man sich nicht an die Vokabel „wünschen“ klammert, kann man auch an die vergessenen Gebote resp. Verbote am Ende des Dekalogs erinnern: „Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.“ (Ex 20,17) Es geht um das Begehren, dem im Kapitalismus propagierten Antrieb der Menschen im Umgang mit der Welt. Es gibt offenbar erst-, zweit- und drittklassige Wünsche; der Handel mit drittklassigen Wünschen ist in Ägypten und vielen Ländern verboten, weil aus ihnen viel Unheil entsteht. So verliert einer Arm und Bein, weil er sich gewünscht hat, zehn Kilo leichter zu sein, oder man bekommt ein Spielzeugauto, wenn man sich einen Mercedes gewünscht hat.

Das erzählte Geschehen kreist um einen Kioskbesitzer, dem von einem Italiener drei erstklassige Wünsche geschenkt worden sind, mit einem Zertifikat ihrer Echtheit. Als Moslem glaubt er sie nicht nutzen und auch nicht verkaufen zu dürfen. So liegen sie fein säuberlich in einer Kiste – und werden dann doch verkauft, zumindest der erste und der zweite. Für den ersten hat eine Frau jahrelang geschuftet; als sie ihn endlich hat, fällt sie einem Polizisten und dann der ägyptischen Justiz in die Hände: Eine arme Frau könne sich solche Wünsche nicht leisten, das Zertifikat nützt nichts, sie wird enteignet und kommt ins Gefängnis. Der zweite Wunsch geht an einen Studenten, der an einer Depression leidet und der mit seinem Wunsch nicht nur keinen Erfolg hat, sondern auch trotz Psychotherapie vereinsamt, bis er einem anderen hilft und so aus seiner Krise findet. Mit dem dritten Wunsch will der Besitzer nach langen Überlegungen und mit großen Skrupeln einer krebskranken alten Frau helfen, die sich aber absolut weigert, den Wunsch anzunehmen – warum sie das tut und wie sie nach Erfüllung eines erstklassigen Wunsches gelebt hat, ist dann eine Geschichte für sich. Schließlich verwendet der Besitzer seinen dritten Wunsch für einen abgehalfterten alten Esel, der sprechen kann und den er in einen Menschen verwandelt, einen jungen Mann von 20 Jahren.

Man liest viel von den zahlreichen Vorschriften über den bürokratischen Umgang mit Wünschen und von der Entwicklung der entsprechenden Gesetze in Ägypten. Auch die verhaftete Frau und der einst deprimierte Student tauchen wieder auf – ein rundum gelungenes Buch, das einen prächtig unterhält und über die simpelste Sache der Welt nachdenken lässt: über das Wünschen, seinen Sinn und Unsinn. https://www.radiodrei.de/themen/literatur/rezensionen/comic/2025/deena-mohamed-shubeik-lubeik.html

https://www.fluter.de/shubeik-lubeik-comic-deena-mohamed

https://www.jungewelt.de/artikel/512048.comic-w%C3%BCnschen-will-gelernt-sein.html

https://lithub.com/shubeik-lubeik/

https://www.tarvolon.com/2024/09/15/fantasy-graphic-novel-review-shubeik-lubeik-by-deena-mohamed/

Alex Schulman: Verbrenn all meine Briefe (2018/22) – gelesen

Alex Schulman hat ein bewegendes Buch geschrieben: Ein Ich-Erzähler, hinter dem sich der Autor verbirgt – auch wenn es sich um einen Roman handelt – berichtet, dass er sich wegen seiner Härte und Lieblosigkeit gegenüber seinen Kindern und seiner Frau in eine Psychotherapie begeben hat (Prolog und Epilog). Den Roman könnte man als das Ergebnis der Gespräche in der Therapie ansehen.

Das Romangeschehen spielt auf drei Zeitebenen: die Gegenwart, in der der Ich-Erzähler seine Nachforschungen anstellt; 1988: Erinnerungen des Erzählers als Kind an Begegnungen mit seinen Großeltern Karin und Sven Stolpe; 1932: die Begegnung Olof Lagercrantz‘ mit dem Ehepaar Stolpe in einem Institut, das Literaten fördert, und die heimliche und verbotene Liebe zwischen Olof und Karin sowie deren abrupter Schluss (ohne dass sie je geendet hätte). Der Erzähler kann sich neben seinen Erinnerungen auf die Briefe Karins und Olofs stützen, die er in Svens Nachlass findet, und auf Olofs Tagebuch.

Sein Großvater Sven ist die Quelle eines unendlichen Hasses in seiner Familie, zu der der Erzähler über seine Mutter gehört; er zerstört rücksichtslos alles und alle, die sich ihm in den Weg stellen, zuvörderst seine Frau. Seine Wut stammt daher, dass sein Vater seine Mutter verlassen hat, als er zehn Jahre alt war; diesen Verrat rechnet er der neuen Frau zu, die den Vater verführt habe, wie man erst im Epilog erfährt. Der Verrat der untreuen Frau, die bestraft werden muss, ist das einzige Thema, um das alle seine zahlreichen Romane kreisen – und diese Strafe vollzieht er selber an seiner eigenen Frau. Die Liebesgeschichte zwischen Karin und Sven wird diskret und zart erzählt und berührt einen; der Bösewicht ist Sven Stolpe, der die Erfüllung dieser Liebe brutal verhindert, bis hin zu einem Selbstmordversuch, als er mit seiner Frau im Auto eine Böschung hinabfährt, was er später als Unfall ausgibt.

Am Ende scheint der Ich-Erzähler die Kurve gekriegt zu haben; er geht liebevoll auf seine Frau zu.

https://www.buecherrezensionen.org/buecher/rezension/alex-schulman-verbrenn-all-meine-briefe.htm (große Besprechung)

https://en.wikipedia.org/wiki/Sven_Stolpe

https://skbl.se/en/article/KarinStolpe

https://en.wikipedia.org/wiki/Olof_Lagercrantz