Die Einführung einer neuen Herangehensweise an EDGE in Shadowrun 6. Edition ist einer der größten „Sprünge“ in der Art und Weise, Shadowrun zu spielen. Sehr vereinfacht ersetzt Shadowrun 6 eine endlose Liste konkreter Würfelmodifikationen gegen die bewusst allgemein gehaltene Regel, dass diejenige Seite, die sich „im Vorteil“ befindet, +1 Edgepunkt bekommt (zuweilen mehr).
Manche Gruppen haben damit ein Problem, und zwar vor allem jene, welche der Entscheidungshoheit der SL misstrauen und bei denen Spieler und Spielleitung auf möglichst exakte Regeln angewiesen sind, um das Spiel flüssig zu halten (wie es im Speziellen für Conventions oder Missions typisch ist, wo sich Spielende und Spielleitung nicht kennen und Regeln maximal standardisiert und verbindlich gehalten werden müssen*)
* Ob das so sein MUSS kann man diskutieren, aber ich verstehe, warum dies mitunter ein Problem darstellen kann – gerade, wenn man es mit Regelanwälten (Rules Lawyers) und Minmaxern einerseits sowie mit SLs zu tun hat, die ihre Macht missbrauchen = die Funktion der SL so, wie ich sie kapiere, nicht verstanden haben.
Aber Con- und Missionplay sind ja für die Meisten nicht der Standard. Für Gruppen, die sich in einer „Session 0“ auf gewisse Prämissen und Verabredungen geeinigt haben, die also eine zueinander passende Vorstellung des Spiels (Regeln) einerseits und der Funktionsweise der Sechsten Welt (Setting) haben, bietet die Edge-Mechanik à la SR6 eine hervorragende, weil schnell und ohne viel Geblättere einsetzbare Mechanik, die geschicktes und kreatives Vorgehen belohnt.
Für das Spiel in Berlin hat die Edge-Mechanik einige besondere Anwendungsmöglichkeiten, auf die ich hier kurz eingehen will.
Kern dieser Überlegungen sind die Regeln für „Edge bei Sozialen Proben“ (SR6, S. 49+), aber auch andere Arten von „Heimvorteil“ spielen eine Rolle.
Warum ist HEIMVORTEIL wichtig? Beim Spiel in Berlin geht es ganz oft um den Kiez, in dem du operierst. Wie (überlebens-)wichtig es ist, in irgendeinem Kiez verortet zu sein und gute Connections in diesem aufzubauen, Aufträge für die Kiezgemeinschaft zu übernehmen, den Kiez zu fördern und sich um seine Bewohner zu kümmern etc. ist schon seit dem Berlinbuch für die 4. Edition, im Datapuls: Berlin der 5. Edition und natürlich im Buch „Berlin 2080“ der 6. Edition immer wieder und wieder betont worden.
Mit der Sechsten Edition wird dieses „Fluff“-Element via die Edge-Mechanik in knallharten „Crunch“ übersetzt (wer die Begriffe nicht kennt: „Fluff“ meint Setting/Atmosphäre/Story, „Crunch“ meint Regeln).
Ich gehe zwar davon aus, dass die Meisten, die SR6 spielen, diese Berliner Grundidee (die in Abwandlung natürlich auch in jedem anderen „Hometurf“ existiert, in Berlin aber auf Novacoke-Level hochgedreht wird) verstehen und im Spielalltag auch anwenden, ABER man weiß ja nie und daher hier ein paar Ideen, wie die besonderen „Spielregeln“ Berlins umgesetzt werden können (und SOLLTEN):
Die RUNNER im Vorteil
- KIEZSPRECH. In der Kurzgeschichte „Gute Fahrt“ gibt es mehrere Beispiele für eine Art „Geheimsprache“ der Alternativen Berlins, die sich im ständigen Wandel befindet und daher durch Sprachchips oder andere Methoden der externen Infiltration (etwa der Konzerne) so gut wie unmöglich zu faken ist (vielleicht am Besten vergleichbar mit „Jugendsprache“, bei der es einen erheblichen Unterschied macht, ob ein tatsächlicher Teen oder ein Boomer den betreffenden, identischen Begriff verwendet). Natürlich bietet es den Runnern keinen automatischen Vorteil, Kiezsprech zu beherrschen (im Idealfall des exakten Kiez, in dem sie sich gerade bewegen), wenn das Gegenüber ebenfalls Kiezsprech beherrscht – ABER es ist eine schnelle Methode, sich als „zugehörig“ zu etablieren und 1 Edge zu erhalten, wenn es darum geht, einem oder einer Unbekannten (Alternativen, Anarchoaktivistin, Kiezbewohner) klarzumachen, dass man „auf derselben Seite ist“.
- ORTSKENNTNIS. Haben die Runner eine Konfrontation innerhalb eines Kiezes oder eines sonstigen Gebietes, das sie sehr viel besser als die Gegnerpartei kennen (Kampf, Verfolgung, Abschütteln von Verfolgern), erhalten sie 1 Edge, da sie sich wesentlich besser positionieren und bewegen können.
- UNTERSTÜTZUNG. Wird der „Heimvorteil“ der Runner neben der reinen physischen Ortskenntnis zudem durch die Anwohnenden aktiv unterstützt, bringt das weitere 1 bis 2 Punkte Edge (Anwohner, die Sicherheitskräften im Weg herumlaufen, diese ansprechen/ablenken, gezielte Falschauskünfte machen etc.). Dasselbe gilt übrigens ZUSÄTZLICH für FREUNDLICHE GEISTER, also dann, wenn der Magieanwender unter den Runnern freundschaftliche Beziehungen zu lokalen Geistern aufgebaut hat, und ebenso für DECKER und TECHNOMANCER, wenn diese im betreffenden Gebiet freundliche Sprites bzw. ein Netzwerk z.B. von ihnen selbst platzierten und konfigurierten Kameras, Drohnen und anderweitigen Sensoren aufgebaut haben.
Die GEGNER im Vorteil:
Natürlich gilt dasselbe Prinzip auch für den gegenteiligen Fall:
- Während KIEZSPRECH dir ggf. Vorteile in diversen alternativen Zonen der ganzen Stadt verschafft, achten die Sicherheitskräfte in den Konzernsektoren vermehrt darauf, ob jemand den passenden „Konzernsprech“ hat (oder zumindest Hochdeutsch bzw. eine andere „Hoch-„Variante einer Sprache beherrscht – jedenfalls, soweit dies der angenommenen Rolle entspricht (wenn jemand in einem Einkaufszentrum in S-K Tempelhof einen gedehnten Kiezsprech-Akzent hat, ist das kein Grund für einen Massenalarm, aber wenn jmd. behauptet, ein S-K Gardist zu sein, ohne die passende Lingo zu beherrschen, fliegt die Tarnung sofort auf). Auch unterscheidet sich das Kiezsprech des (kommunistischen) Köpenick drastisch vom (aktuell zunehmend rechtsautonomen) Sprech von Spandau, was eigene Probleme aufwerfen kann.
- Vor allem aber gilt das Prinzip der ORTSKENNTNIS auch für Konzerngardisten, Bullen und Gangs von Gegenden, in denen sich die Runner NICHT (oder SCHLECHTER) auskennen: Natürlich gibt es den Unterschied zwischen Gardisten, die seit 20 Jahren dieselbe stinklangweilige Lagerhalle bewachen, und dem neu eingesetzten „besser qualifizierten“ (oder preiswerteren) Trupp, der von der Zentrale irgendwo platziert wurde und sich völlig auf AR-Karten verlässt (und NULL Kontakt zu den Anwohnern hat) – aber das ist dann die Entscheidung der SL und womöglich ein Fakt, den man über BEINARBEIT vorab in Erfahrung bringen kann.
- Dasselbe gilt in abgewandelter Form für UNTERSTÜTZUNG: Im durchschnittlichen Konzernsektor wird zwar kein Bürger einer Gruppe verdächtiger Externer aktiv entgegentreten (sehr im Gegensatz zum durchschnittlichen Anarchokiez), dafür stehen den Normal- und Konzernbürgern massenhafte Apps zur Verfügung, über die „Verdächtige“ gemeldet, verfolgt und anderweitig markiert werden können. Auch dies kann für die Bewegung der Runner im Gebiet ein Nachteil bzw. für die Sicherheitskräfte ein VORTEIL = 1 EDGE wert sein.
WARUM DAS TOLL IST
Auf der einen Seite macht dieses Edge-Prinzip das „ungesehene Vorgehen“ der Runner in klar definierten Feindbereichen schwieriger – was zum Beispiel beinhaltet, dass diese sich besser vorbereiten und womöglich via Beinarbeit eine „Gewährsperson“ rekrutieren müssen, die ihre Tarnung/ihr Vorgehen unterstützt (Beispiel: Eine Wache (ja, grammatikalisch weiblich, hättet ihr direkt an eine Frau gedacht?) identifizieren, ausspionieren und durch Akquise belastenden Materials aus ihrem Kommlink zur Kooperation „bewegen“ („Erpressung“ ist so ein hässliches Wort), die mit den anderen Wachen redet, während das Runnerteam maskiert schweigend im Hintergrund steht („Die gehören zu mir“)).
Auf der anderen Seite schafft dieses Prinzip über die reine Story-Ebene heraus eine MASSIVE Motivation, sich um seine Connections und seinen „Heimatkiez“ zu kümmern, um den eigenen Ruf besorgt zu sein und womöglich den Heimatkiez „strategisch zu wählen“: Ist ja schön, wenn dein Heimatkiez Falkensee am westlichen Rand ist, aber ein zentraler Kiez in Kreuzhain ist natürlich verkehrstechnisch leichter zu erreichen von einer größeren Zahl „potenzieller Zielgebiete“ aus.
Again: Die SR6 Edgemechanik ist „fuzzy“ und der Ermessensspielraum der SL – und zugleich: der Kreativspielraum der Spielenden – ist ungleich höher als bei einer konkret fixierten, über 4 Abschnitte ausgedehnten Detailregel – aber wenn es ein grundsätzliches Vertrauensverhältnis zwischen SL und Spielenden gibt, bietet Edge in SR6 ein großartiges Tool speziell für die Runner, sich einen oder mehrere Vorteile (sic) für den anstehenden Run zu erarbeiten.
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