Der Aufstieg und Fall von Easy Allies
Hallo zusammen!
Ja, es geht heute um eine amerikanische Gruppe von Videospiel-Journalisten und damit vermutlich um ein Thema, das nicht alle hier gleichermaßen berühren wird. Aber eigentlich geht es gar nicht um Videospiele. Nicht wirklich. Vertraut mir.
Der Kontext: Von einem Underdog
In den Jahren von 2003 bis 2016 gab es in Amerika eine Webseite zum Thema Videospiele – GameTrailers. GameTrailers ist ganz sicher nicht der Underdog, den ich in der Überschrift erwähnte, denn die Webseite wurde erst 2005 von MTV/Viacom gekauft und wanderte dann noch durch die Hände einiger anderer wirtschaftlicher Feudalherren, bis sie schlussendlich 2014 von Defy Media gekauft und 2016 ebenfalls von Defy Media endgültig geschlossen wurde. Das hat mich 2016 tatsächlich ‚getroffen‘ (in dem Rahmen, wie einen solche Erste-Welt-Probleme halt treffen), denn ich mochte die Inhalte von GT und – mehr noch – ich sah die Leute gerne, die sie erstellten.
Doch dann, im März 2016, tauchte etwas Unerhörtes plötzlich auf meinem Radar auf – einige derer, die bis zum Schluss bei GameTrailers die Stellung gehalten hatten, schlossen sich zu einer neuen Plattform zusammen und es ist schwer zu beschreiben, wie sehr mich schon der erste Teaser mit Freude erfüllte:
Hier ist der zeitliche Kontext wichtig – 2016. Das ist drei Jahre, nachdem eine junge Plattform namens Patreon an den Start gegangen war und eben jene Plattform sollte die finanzielle Basis für die neugegründeten Easy Allies sein. Zu Beginn mit überwältigendem Erfolg!
Das war eben nicht nur diese Truppe von Videospiel-Journalisten, die ich gerne mochte, die ein neues Heim gefunden hatten. Das war ein ganzes Team, was fortan von den Fans direkt finanziert unabhängig würde berichten können. Heute, wo jeder und sein Hund einen Patreon hat, mag das gar nicht mehr so besonders erscheinen, aber 2016? Da lag ein Hauch von hoffnungsvoller Revolution in der Luft.
Aus der Garage in die weite Welt
Da passte es nur zu gut, dass die Anfangstage der Easy Allies buchstäblich aus der Garage eines ihrer Mitgründer heraus sendeten. Ich verfolgte ihren ersten Livestream zumindest phasenweise mit einer gewissen Neugier, aber bei ihrer ersten Podcast-Episode klebte ich förmlich am Bildschirm.
Ich habe mir diese Episode in Vorbereitung auf diesen Artikel hier nochmal angeschaut und es ist bemerkenswert, wie rudimentär das am Anfang alles war.

Da saßen wirklich vier Gestalten um ein einziges Mikro herum – nebenbei, das ist ein Yeti, ebenso wie die, die auch lange im DORPCast zum Einsatz kamen –, irgendwie verkrampft auf unpassenden Möbeln und sichtlich noch nicht an dem Punkt, dass irgendwas Routine ist.
Aber, und das war der wichtige Punkt – mit der richtigen Einstellung. Als ich diese Folge nochmal schaute, ging mir unweigerlich diese eine Formulierung aus Hamilton durch den Kopf: „young, scrappy and hungry“.
Dies war ein Format, eine Gruppe, geboren aus ihrer Liebe zu Videospielen, aus der Freude am Hobby und aus der Freude, miteinander zu arbeiten. Und es war für mich unmöglich, mich nicht davon anstecken zu lassen.
Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein
Ich will ganz explizit jetzt nicht auf hundert kleine Details eingehen, auf hundert kleine Weisen, wie die Truppe mich beeinflusst hat – denn dann sind wir doch wieder mittendrin im Videospiel-Journalismus.
Ich will aber Kyle Bosman hervorheben, der einen immensen Einfluss darauf hatte, wie ich auch selbst danach auf Podcasts geblickt habe. Kyle – in den ersten Jahren unter anderem der Moderator ihres Hauptformats – besaß so ein immenses Spektrum zwischen Fachkompetenz, Medienkompetenz, Sendungsbewusstsein und etwas, was ich nur im besten Sinne als Trollen bezeichnen kann. Selten habe ich jemanden gesehen, der es verstand, so präzise die Knöpfe seiner Kollegen zu drücken und so immer wieder spannendste Diskussionen selbst in thematisch ruhigen Wochen zu wecken.
Der DORPCast ging 2013 an den Start, er ist insofern älter als alles, was die Allies je gemacht haben. Aber dennoch waren sie für mich mehr als einmal ein Grund, darüber nachzudenken, was ich auch selbst mit unserem (ganz, ganz anderen) Format des DORPCasts erreichen wollte; oder überhaupt erreichen wollen könnte.
Es war insgesamt eine Truppe aus Chaoten, aber es waren Chaoten, mit denen ich damals sehr auf einer Wellenlänge lag.


Und natürlich hat das alles auch sehr viel mit den oft beschworenen parasozialen Bindungen bei derartigen Formaten zu tun. Aber es war zu der Zeit einfach ein positiver Einfluss – ich behaupte mal frech, die Easy Allies haben durchaus Anteil daran, dass ich bis heute so viel Freude am Thema Videospiele habe, weil die Auseinandersetzung meinerseits mit ihren Sichtweisen auch dazu geführt hat, meine eigenen Sichtweisen auf dieses schöne Hobby zu erweitern.
Das damals zentrale Motto der Truppe, das immer wieder durchschwang, war Love and Respect, und wer hier häufiger mitliest, wird keine Probleme haben zu sehen, warum auch das bei mir so sehr offene Türen einrennen konnte. Vielleicht ist Love and Respect für mich der zentralste Slogan des Internets jener Ära gewesen; vermutlich ist er auf Platz 2 hinter dem Don’t Forget To Be Awesome der Gebrüder Green.
Die Risse in der Fassade
Aber. Aber. Aufmerksamen Lesern ist mit Sicherheit die Vergangenheitsform all dessen aufgefallen, was ich hier schrieb. Denn so glorios diese Anfangstage für mich waren – zunächst fast unmerklich änderten sich Dinge. Der Ton wurde ein anderer. Graduell, subtil, schleichend. Liebe und Respekt traten immer weiter in den Hintergrund. Aber aus dem Vakuum heraus, das Ehrfurcht und Hingabe immer weiter hinterließen, wuchs eine zynische Form von Abgeklärtheit heran, und wie das mit solch schleichenden Prozessen so ist, dauerte es tatsächlich eine ganze Weile, bis mir wirklich klar wurde, dass ich dort nicht mehr die Freude fand, die es mir einst brachte.
Wie es dazu kam? Wer weiß das schon zu sagen.
Einerseits ist auch vieles faul in der Welt der Spieleentwicklung. Andererseits war es ja doch die Liebe zu eben diesem Hobby, die auch Easy Allies erst groß gemacht hat. Und selbst heute, beim erneuten Schauen dieser ersten Episode, ist diese Liebe für mich spürbar.
Manche Fans führen es darauf zurück, dass sie irgendwann das Geld beisammen hatten, sich ein Studio zu mieten. Je länger sie in diesem Studio waren, desto stärker lagen ihre guerillahaften Anfangstage aus den improvisierten Räumen einer rustikalen Garage in der Vergangenheit, und ich würde auch zustimmen, dass sie damit einen Funken Identität verloren haben, den sie weder wiederfinden noch ersetzen konnten.
Die Pandemie hat sicherlich auch, wie überall, nicht geholfen und die Gruppendynamik brach deutlich ein unter der Schwerlast der Fernmündlichkeit.
Der wirkliche Anfang vom Ende war in meinen Augen aber, dass eben jener Kyle Bosman das Team irgendwann verließ, um sich neuen Aufgaben zuzuwenden. (Kyle betreibt heute einen eigenen YouTube-Kanal, den ich durchaus schätze.) Kyle aber war nur der Anfang vom Exodus und es sind noch Gründungsmitglieder übrig, aber ich sage mal so: Von den vieren, die oben auf dem Screenshot aus ihrem allerersten Podcast zu sehen sind? Von denen ist heute einer nominell noch da, und selbst der ist beruflich weitergezogen und nur noch nebenher im Projekt engagiert.
Und damit kommen wir eigentlich zum Kern dessen, weshalb ich all das hier – neben dem Wunsch, einmal auszusprechen, was das Format mir einst bedeutet hat – aufs virtuelle Papier bringe.
Zwischen Valar Morghulis und Panta Rhei
In George R.R. Martis Lied von Eis und Feuer gibt es eine Redewendung in der fiktiven Valyrischen Sprache, valar morghulis: „Alle Menschen müssen sterben“. Und pantha rhei geht ganz realweltlich auf Heraklit zurück und ist die verkürzte Form eines Ausspruchs im Sinne von: „Alles bewegt sich fort und nichts bleibt“.
Beides ist trifft den Geist dessen, worum es mir hier geht.
Für mich (und viele andere) waren die Easy Allies etwas, was mir – bei aller Trivialität dessen, wovon wir hier sprechen – wirklich etwas bedeutet hat. Und was auch immer dieser Zauber war, mit den Jahren ist er vergangen.
Es wäre anmaßend von mir zu sagen, die verbliebenen Allies wären nur noch ein Schatten ihrer selbst. Wohl aber kann ich sagen, dass sie nur noch ein Schatten dessen sind, was sie mir einst bedeutet haben.
Das ist schade. Das stimmt mich traurig.
Aber es nimmt nicht all die guten Erfahrungen, die zugleich damit einhergegangen sind. Die vielen schönen Stunden, die ich ihrem Podcast gelauscht habe oder auch ihren anderen Formaten gefolgt bin, die bleiben. Ebenso die Dinge, die ich gelernt habe, für den DORPCast und sogar für meine berufliche Arbeit.
Heute auf den Tag genau vor zehn Jahren gingen die Easy Allies an den Start.
Wirklich heute, im Jahr 2026, ist die Gruppe von einst in alle denkbaren Richtungen verstreut und das, was verbleibt, ist nicht mehr das, was mich damals verzaubert hat.
Doch es hat mich verzaubert. Nur weil es heute nicht mehr so ist, war dieser Zauber nicht unwahr, er ist nur vergangen. So ist der Lauf der Welt.
Das ist der Grund, weshalb Ralf und ich auf unsere Videoabende von einst zurückblicken und gleichzeitig anerkennen können, dass es eine unfassbar formende und zentrale Erfahrung für uns war und dass diese Zeit so nicht wiederkommen wird. Das ist der Grund, weshalb ich relativ ohne Reue anerkennen kann, dass meine aktive Zeit als LARPer vermutlich um ist, denn gleich wie großartig die Erfahrungen waren, so geben es Gesundheit und Freizeit nicht mehr her. Und das ist okay.
Ich glaube, es ist sogar durchaus realistisch zu sagen, dass ein Grund – bei weitem nicht der einzige, aber eben ein Grund – für meine Bereitschaft zum Ende des DORPCasts auch genau diese Erfahrung ist.
Alles hat seine Zeit.
Und jede Zeit hat ein Ende.
Ben Moore ist ebenfalls einer jener, die nicht mehr dabei sind. In seinem Fall scheint es tatsächlich so, dass nicht zuletzt Fan-Ansprüche und toxische Ausprägungen solch parasozialer Bindungen ihn ganz aus der Branche und dem sozialen Internet vertrieben haben. Ich würde lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass ich den Impuls an manchen Tagen gut verstehe.
Aber eine Weile bevor Ben das Team verließ, bevor er sich aus der Öffentlichkeit zurückzog, schickte er – soweit ich weiß höchst betrunken auf seinem Junggesellenabschied – einen Tweet hinaus in die Welt.
Und ich kenne keinen besseren Weg, diesen Artikel heute hier zu beenden, als genau diesen Tweet zu zitieren.

Worte der Weisheit.
Viele Grüße,
Thomas






Wen hingegen meine berufliche Arbeit als Verlagsleiter und leitender Layouter für Ulisses Spiele interessiert, findet