Veröffentlicht in Hörbücher

Tricia Levenseller: Daughter of the Pirate King – Fürchte mein Schwert (Pirate-Queen-Saga #1)

Hörbuchcover von „Daughter of the Pirate King“ von Tricia Levenseller. Das Bild zeigt ein Schwert mit zwei goldenen Aalen vor blauen Blättern und einem Steuerrad.

Captain Alosa hat nur ein Ziel vor Augen: Im Auftrag des Piratenkönigs Kalligan soll sie das Fragment einer Schatzkarte beschaffen. Ein Kinderspiel für sie, da kein Freibeuter es mit ihr aufnehmen kann. Das brutale Training ihres Vaters Kalligan hat sie zu seiner Geheimwaffe gemacht, denn sie setzt ihren Gegnern nicht nur ihre Kampfkraft, sondern auch die Sirenenmagie ihrer Mutter entgegen.
Siegesgewiss beginnt Alosa ihre Mission auf einem Schiff mit verfeindeten Piraten, doch hat sie dabei nicht mit dem unverschämt attraktiven Ersten Maat Riden gerechnet, der gegen all ihre Kräfte immun zu sein scheint …

Tricia Levenseller stammt aus Oregon und lebt heute in Utah. Ihre Romane richten sich vor allem an junge Erwachsene, die Abenteuer, Romantik und ein gewisses Maß an Drama lieben. Mit Daughter of the Pirate King hat sie den ersten Band einer dreibändigen Piraten-Fantasy vorgelegt, die seit Erscheinen ihre Leser polarisiert.

Protagonistin der Geschichte ist Alosa, die Tochter des Piratenkönigs Kalligan. Ihr Vater gibt ihr den Auftrag, sich von einem verfeindeten Piratenkönig gefangen nehmen zu lassen, damit sie auf dessen Schiff einen Teil einer Schatzkarte stiehlt. Was ihre Gegner nicht ahnen: Die siebzehnjährige Alosa ist eine ausgebildete Kämpferin und ausgesprochen clever. Doch gleichzeitig verkörpert sie das Erbe ihrer Mutter, der Sirenenkönigin. Diese Sirenenmagie verleiht ihr besondere Stärke, die Fähigkeit, Männer u. a. durch ihren Gesang zu manipulieren, sowie eine gewisse Unberechenbarkeit.

Auf dem gegnerischen Schiff begegnet sie Riden, dem Ersten Maat und jüngeren Bruder von Piratenkönig Draxen. Riden tritt von Beginn an als moralisches und charakterliches Gegenstück zu ihr auf. Natürlich kommt es dadurch auch sofort zu Spannungen zwischen den beiden. Dass die Autorin uns hier eine Slow-Burn- bzw. Enemies-to-Lovers-Geschichte präsentiert, ist selbst dem unaufmerksamsten Leser von Anfang an klar. Der Slow Burn und das Enemies-to-Lovers? Eher Enemies-to-Langweile: kein Funke, nicht einmal eine kleine Rauchwolke – nur tote Seiten aus Holz von Bäumen, die umsonst gestorben sind.

„Man bekommt nun mal nicht jeden Tag das Fleisch und Blut des Piratenkönigs zu sehen.“
„Und, bin ich so, wie ihr erwartet habt?“
„Es heißt, der Piratenkönig sei groß wie ein Wal und böse wie ein Hai. Wir hatten nicht mit einem so winzig kleinen Ding gerechnet.“
„Dann komm ich wohl nach meiner Mutter“, sage ich.

Und genau hier zeigt sich eine der Schwächen des Romans, die dazu geführt haben, dass ich den Roman eher mittelmäßig fand:

Piraten, Sirenen, Schatzkarten – was kann da schon schiefgehen? Daughter of the Pirate King zeigt: eine ganze Menge. Das Buch bietet zwar eine actionreiche Piratenkulisse, die nicht nur Pirates of the Carribean-Fans schätzen werden, aber es gibt kaum echtes Worldbuilding. Die Welt des Romans bleibt skizzenhaft, die Regeln, nach denen sie funktioniert, bleiben blass. Aber das ist nicht alles. Levenseller lässt Alosa über viele Seiten und Kapitel darüber nachdenken, wie mächtig sie ist, wie gefährlich ihre Kräfte sind und wie wichtig es ist, diese geheimzuhalten – nur um einige davon so offensichtlich einzusetzen, dass ihre Gegner praktisch blind sein müssten, um nichts zu merken. Auch ihre „Mordquote“ ist dabei erstaunlich niedrig für eine Figur, die angeblich unkontrollierbare sirenische Macht in sich trägt. Es wird viel behauptet, nur leider vergisst die Autorin oft, das auch glaubwürdig in Action zu zeigen.

Die Figurenzeichnung ist ebenfalls durchwachsen. Abgesehen von der Tatsache, dass Alosas Schiff komplett und das von Draxon größtenteils von jungen Menschen bemannt (oder „befraut“) werden, die maximal Mitte zwanzig sind – echt jetzt?! –, bleiben auch die Figuren blass: Alosa ist stark, selbstbewusst und oft unterhaltsam, aber sie blieb für mich gleichzeitig schwer greifbar. Ihre innere Entwicklung wirkt eher mechanisch als organisch. Es ist mir bis zum Ende nicht gelungen, irgendwelche Sympathien für sie zu entwickeln und mich als Leserin mit ihr zu identifizieren. Und für Riden gilt das noch viel mehr! Riden tritt von Beginn an als Love Interest auf, aber zwischen den beiden gibt es beim besten Willen keine echte Chemie. Ja, die beiden sind von der ersten Seite an ganz offensichtlich Endgame, doch der Funke sprang bei mir nicht über. Ihre Interaktion prickelt einfach nicht. Und das nahm wiederum dieser zentralen Beziehung den emotionalen Kern, der für dieses Genre so entscheidend ist. Auch die Nebenfiguren tragen wenig zur Tiefe der Geschichte bei; sie erfüllen Rollen, ohne lebendig zu wirken.

Sprachlich setzt Levenseller auf Tempo, klare Szenenwechsel und pointierte Dialoge. Das sorgt für Drive und auch dafür, dass man den Roman gut „weghören“ oder „weglesen“ kann. Gleichzeitig fehlt hier wie gesagt die Atmosphäre: Piratenwelt, politische/gesellschaftliche Strukturen, selbst die Beschreibungen der Orte – alles wird nur angedeutet. Das ist schade, weil der Stoff eigentlich nach etwas Größerem schreit.

Über das Hörbuch

Die deutsche Hörbuchausgabe wird von Madiha Kelling Bergner gelesen. Sie ist ausgebildete Sprecherin und Schauspielerin und hat Psychologie in Potsdam studiert. Ihre Stimme ist kräftig, flexibel und grundsätzlich gut geeignet für eine Figur wie Alosa.

Sie trifft den jugendlichen Ton der Protagonistin gut, aber das verhinderte bei mir gleichzeitig die Identifikation mit einer siebzehnjährigen (!) Figur. In männliche Figuren – allen voran Riden – schlüpft sie nur begrenzt glaubwürdig hinein. Oft fiel es mir in Dialogen schwer, Riden von Alosa zu unterscheiden. Und wo das Buch, wie oben beschrieben, wenig Tiefe und Facettenreichtum bietet, gelingt es der Sprecherin natürlich auch nicht, das auszugleichen.

Mein Fazit

„Daughter of the Pirate King – Fürchte mein Schwert“ hat eine geniale Grundidee, viel Tempo und eine Heldin, die auf dem Papier beeindruckend wirkt. In der Umsetzung bleiben jedoch zentrale Elemente auf der Strecke: Die Welt, in der unsere Figuren agieren, ist kaum greifbar, und die potenzielle Liebesgeschichte bleibt ohne echtes Prickeln. Wer ein unterhaltsames Piratenabenteuer sucht, könnte hier auf seine Kosten kommen. Wer Tiefgang, ein stimmiges Worldbuilding oder prickelnde Romantik erwartet, dürfte enttäuscht werden.

Autorin: Tricia Levenseller
Buchtitel: Daughter of the Pirate King – Fürchte mein Schwert (ungekürzte Fassung)
Serie: Pirate-Queen-Saga, Band 1
Sprecherin: Madiha Kelling Bergner
Verlag: Random House Audio
ISBN: 9783837168280
Dauer: 9 h
Erscheinungsdatum: 27. Juli 2024
Genre: Young Adult, Fantasy

Veröffentlicht in Hörbücher

Callie Hart: Brimstone – Königin der Finsternis. Krieger der Wölfe

Schwarzes Buchcover mit glühenden, feuerfarbenen Schriftzügen. Oben steht der Name Callie Hart, darunter in großen Lettern Brimstone; alle Buchstaben wirken wie erhitztes Metall und sind von Funken umgeben; im „O“ brennt eine kleine Flamme

Macht ist das Letzte, was Saeris Fane will. Nach ihrer Krönung zur Königin der Vampire spürt sie nur Last auf ihren Schultern – und dass ihr Leben ab jetzt nicht mehr ihr selbst gehören wird. Dabei brennt der Wunsch, ihren Bruder zu retten, wie ein unbändiges Feuer in ihr. Doch eine Reise durch das Quicksilver-Portal würde für Saeris den sicheren Tod bedeuten. Der mächtige Fae-Krieger Kingfisher würde alles für seine Seelenverwandte tun – sogar gemeinsam mit dem lästigen Tagedieb Carrion Swift in das Land der beiden unerbittlich brennenden Sonnen reisen und ihren Bruder holen.
Doch während sich Kingfisher in den engen Gassen von Saeris’ Heimat ungeahnten Gefahren stellen muss, legt sich ein Schatten über das Reich der Fae. Zusammen müssen Fisher und Saeris Feuer und Schwefel heraufbeschwören, um ihre gemeinsame Zukunft zu retten. Und die aller anderen Wesen.

Mit Brimstone* setzt Callie Hart ihre epische Romantasy-Saga fort, die mit Quicksilver begonnen hat. Der zweite Band der Reihe knüpft unmittelbar an die Ereignisse seines Vorgängers an und erweitert sowohl die Welt als auch die emotionale Tiefe der Figuren. Was bereits im ersten Band angelegt war, wird hier mit voller Wucht entfaltet: eine düstere, gefährliche Welt, komplexe Beziehungen und eine Handlung, die dem Leser bzw. Hörer kaum eine Verschnaufpause gönnt.

Eine Welt im Zerfall

Eine neue Bedrohung nimmt in Brimstone Gestalt an. Eine geheimnisvolle Substanz infiziert nicht nur das Land, sondern auch Menschen, Fae, Tiere. Was zunächst wie eine lokale Katastrophe wirkt, entpuppt sich zunehmend als kosmische Krise: Einige Götter scheinen bereit zu sein, das Universum selbst zu zerstören, weil sie es nach ihren Vorstellungen neu erschaffen wollen.

Aber nicht nur dadurch ist Brimstone deutlich actionreicher als sein Vorgänger. Kaum haben Saeris, Kingfisher und ihre Verbündeten eine Herausforderung gemeistert oder zumindest unter Kontrolle gebracht, wartet bereits die nächste auf sie. Schließlich hält die drohende Vernichtung dieser Welt alte (und neue) Feinde nicht davon ab, Jagd auf Saeris und Kingfisher zu machen. Als Leser oder Hörer hat man das Gefühl, kaum einmal Luft holen zu können – und doch funktioniert genau dieses Tempo erstaunlich gut. Langeweile kommt keine Sekunde lang auf.

Bemerkenswert ist außerdem, wie viele neue Kreaturen, Reiche und Bedrohungen Callie Hart einführt. Und dass ich bei all dem nie das Gefühl hatte, den Überblick zu verlieren. Im Gegenteil: Die Autorin baut ihr Universum so sorgfältig und atmosphärisch auf, dass selbst komplexe Elemente sofort greifbar wirken und in Erinnerung bleiben.

Saeris Fane – eine verletzliche Heldin mit Mut

Saeris Fane gehört für mich zu den eindrucksvollsten Protagonistinnen der aktuellen Romantasy. Sie ist mutig, klug und kompromisslos, aber zugleich zutiefst menschlich in ihrer Unsicherheit. Sie ist keine dieser Heldinnen, die plötzlich allmächtig werden und jedes Problem im Alleingang lösen. Stattdessen wächst sie Schritt für Schritt in ihre Rolle hinein.

Gerade diese Verletzlichkeit macht sie so überzeugend. Saeris zweifelt, zögert, bittet um Hilfe und entscheidet sich trotz ihrer Angst immer wieder weiterzumachen, weiterzukämpfen. Ihre Stärke liegt nicht in ihrer Perfektion, sondern in ihrem Durchhaltevermögen und ihrem Mitgefühl für alle Kreaturen.

Kingfisher – Stärke, Loyalität und ein verletzlicher Kern

Auch Kingfisher gehört zu jenen Figuren, die sich tief im Herzen der Leser festsetzen. Er ist mutig, scharfzüngig und gefährlich, doch unter dieser rauen Oberfläche verbirgt sich eine erstaunliche emotionale Tiefe.

Gerade seine Beziehung zu Saeris zeigt diese Seite besonders deutlich. Ihre Dialoge sind weniger bissig als im ersten Band, weil ihre Verbindung inzwischen auf Vertrauen und echter Nähe beruht. Dennoch bleibt ihre Dynamik lebendig, voller Humor, Spannung und gegenseitiger Sorge.

Was Kingfisher so faszinierend macht, ist seine kompromisslose Loyalität. Für Saeris und die Wesen, die zu ihm gehören, würde er alles riskieren: seine Freiheit, seine Sicherheit, sogar sein Leben. Diese Hingabe ist in jeder Szene spürbar und auch in jeder Entscheidung.

Dank der wechselnden Perspektiven dürfen wir diesmal auch in seinen Kopf schauen und genau das macht ihn noch greifbarer. Hinter der kämpferischen Fassade steckt ein Mann, der bereit ist, Himmel und Hölle in Bewegung zu versetzen, um die Frau zu schützen, die er liebt.

Als der Vampir nach unten sah, stellte er verblüfft fest, dass Nimerelle bis zum Heft in seiner Brust steckte.
„Du hast … den Samt ruiniert“, krächzte er.
Es stimmte. Die Klinge des Götterschwerts hatte einen fest zehn Zentimeter langen Schlitz in seine Samtweste gerissen. Ich schenkte ihm ein entschuldigendes Schulterzucken.
„Ärgerliche Begleiterscheinung des Tötens“, sagte ich seufzend.

Freundschaft und eine großartige Nebenfigur

Neben der zentralen Liebesgeschichte sind es auch die Nebenfiguren, die diese Reihe so besonders machen. Die Dynamik zwischen den Freunden und Verbündeten von Saeris und Kingfisher vermittelt immer wieder ein starkes Gefühl von „Found Family“, ob die Familienmitglieder nun Menschen, Fae, Vampire oder etwas ganz anderes sind. Und in dieser Familie bekommt jeder eine zweite oder auch dritte Chance …

Ein absolutes Highlight war für mich die Reise von Kingfisher und Carrion Swift nach Zilvaren. Ihre sich entwickelnde Bromance sorgt für einige der unterhaltsamsten Momente des Buches. Die Schlagabtausche zwischen den beiden sind schlicht köstlich – humorvoll, bissig und gleichzeitig von wachsendem Respekt geprägt. Carrions Charakterentwicklung gehört für mich zu den großen Überraschungen des Buches. Nach Brimstone wünsche ich mir tatsächlich nichts sehnlicher als ein eigenes Buch über ihn bzw. mit ihm im Zentrum.

Der Schreibstil

Der vielleicht größte Zauber dieses Romans liegt im Stil von Callie Hart. Ihre Sprache ist präzise und on point. Kein Satz wirkt überflüssig; jede Formulierung trägt Atmosphäre und Emotion. Ihre Prosa besitzt eine düstere, fast poetische Eleganz. Man liest die Szenen nicht nur, man fühlt sie, weil man mitten hineingenommen wird. Hart versteht es meisterhaft, Spannung aufzubauen: manchmal langsam und unterschwellig, dann wieder explosionsartig. Ein Blick, eine kurze Bemerkung oder ein Atemzug reichen aus, um zwischen ihren Figuren eine elektrisierende Chemie entstehen zu lassen.

Über das Hörbuch

Gelesen werden die Saeris-Kapitel des Hörbuchs zu Brimstone von Regine Lange. Lange ist eine vielseitige deutschsprachige Sprecherin, Sängerin und Schauspielerin. Sie hat in Hamburg Schauspiel und Sprechtechnik studiert und ist zudem ausgebildete Musicaldarstellerin. Mit ihrer beeindruckenden Stimme hat sie bereits zahlreiche Hörbücher vertont, darunter eben auch Quicksilver von Callie Hart. Sie hat eine klare und ausdrucksstarke Stimme und schafft es perfekt, die düstere und magische Atmosphäre des Buches einzufangen. Besonders beeindruckend ist die Vielseitigkeit, mit der sie die verschiedenen Charaktere individuell und lebendig gestaltet – ob es sich dabei nun um Männer, Frauen oder andere Wesen handelt. Ich habe noch nie eine Hörbuchsprecherin erlebt, die auch die männlichen Parts so glaubwürdig vermittelt hat! Ganz großes Kino!

Die Geschichte bietet nun im Gegenteil zu seinem Vorgänger auch Kapitel, die die Ereignisse aus Kingfishers Perspektive erzählen. Diese Passagen werden von Timo Weisschnur (*1989) gelesen. Zwischen 2014 und 2020 war er Ensemblemitglied am Deutschen Theater in Berlin. Er wirkte auch in mehreren Film- und Fernsehproduktionen mit und hat diverse Hörbücher eingesprochen. Darüber hinaus ist er die deutsche Synchronstimme von Simu Liu (Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings) und von Ryan Goslings Ken (Barbie). Weisschnur hat eine klare und ausdrucksstarke Stimme und besitzt die Fähigkeit, die emotionalen Nuancen der unzähligen Charaktere und der Handlung perfekt einzufangen.

Mein Fazit

„Brimstone“ hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen. Mit jedem Kapitel wurde die Geschichte intensiver, dramatischer und bewegender, bis ich am Ende das Gefühl hatte, eine regelrechte Achterbahnfahrt aus Hoffnung, Angst und Begeisterung erlebt zu haben.
Obwohl ich
bereits „Quicksilver“ geliebt habe, setzt dieser Band noch einmal einen drauf: Die Figuren, die Welt und die Handlung wirken größer, ungewöhnlicher und emotionaler. Für die „Fae & Alchemy“-Reihe gilt das, was für so viele Trilogien gilt, definitiv nicht: Dieses Buch ist kein Filler, dieses Buch ist ein echtes Feuerwerk an kreativen Ideen!
Und dann dieses Ende.
„Brimstone“ endet mit einem Cliffhanger, der mir buchstäblich den Atem geraubt hat. Jetzt bleibt nur noch eine Frage: Wie um alles in der Welt sollen Saeris und Kingfisher aus dieser Situation wieder herauskommen? Ich kann es kaum erwarten, das herauszufinden.

Autorin: Callie Hart
Buchtitel: Brimstone (ungekürzte Fassung)
Reihe: Fae & Alchemy, Band 2
Sprecher: Regine Lange, Timo Weisschnur
Verlag: Der Hörverlag
EAN: 9783844553895
Dauer: 24 h 49 min
Erscheinungsdatum: 12. Januar 2026
Genre: Fantasy

* Dieses Hörbuch wurde mir freundlicherweise vom Bloggerportal als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ich gebe hier – trotz kostenlosem Exemplar – meine ehrliche Meinung wieder …

Veröffentlicht in Hörbücher

Viveca Sten: Lügennebel (Der vierte Fall für Hanna Ahlander)

Cover des Hörbuchs Lügennebel von Viveca Sten aus der Reihe ,Die Åre-Morde; winterliche Landschaft mit rotem Himmel, verschneitem Boden und gefrorenem Gewässer

In einer klirrend kalten Januarwoche nehmen sechs feierfreudige Studenten den Zug nach Åre, um dort Ski zu fahren. Sie trinken und nehmen Drogen, spielen „Wahrheit oder Pflicht“ und lassen sich auf immer riskantere Abfahrtsmanöver ein. Und plötzlich sind nur noch fünf am Leben. War es ein Unfall oder kaltblütiger Mord? Als sich die Fragen häufen, steigt die Spannung in der Gruppe. Niemand kann erklären, was in jener verhängnisvollen Nacht geschah. Auch einige Bewohner von Åre machen sich verdächtig – ihnen waren die rücksichtslosen Reichen aus der Großstadt schon lange ein Dorn im Auge. Dieser Fall bringt Hanna Ahlander und Daniel Lindskogan an ihre persönlichen Grenzen, denn sie wissen nur: Einer der Verdächtigen lügt. Aber wer?

Mit Lügennebel legt Viveca Sten den inzwischen vierten Fall für Hanna Ahlander und Daniel Lindskog vor – für mich ist es einer der dichtesten, nervenaufreibendsten Bände der Reihe. Sten bleibt dabei ihrem Markenzeichen treu: nordischer Eiseskälte, psychologischer Druck und zahlreiche Figuren, deren innere Konflikte die Story mindestens ebenso tragen wie der eigentliche Kriminalfall. Doch diesmal zieht Sten die Schrauben noch einmal spürbar an.

Ausgangspunkt ist eine Gruppe junger Studierender, die eigentlich ein ausgelassenes Wochenende in einem noblen Ferienhaus in Åre verbringen wollen: Fanny, Olivia, Wille, Amir, Pontus und Emil. Sie verbringen ihre Tage mit Trinkspielen, Mutproben, riskanten Skiabfahrten. Doch dann stirbt Fanny. Was genau in jener Nacht geschah, bleibt im Nebel aus Alkohol, Halbwahrheiten und gegenseitigen Beschuldigungen verborgen. Jeder erzählt eine andere Version, jeder scheint etwas zu verbergen. Die Spannung entsteht hier nicht aus dramatischen Twists, sondern aus der Dynamik zwischen Schuldzuweisungen, Eifersucht, alten Kränkungen und der Ungewissheit, wem man überhaupt noch trauen kann.

Unterhalb des Fensters auf der Erde liegt ein Bündel, das fast mit dem Schnee verschmilzt. Schmal und länglich. Ein nackter Fuß ragt aus dem Weiß hervor, mit blau lackierten Zehennägeln.

Die Tage im Ferienhaus werden zum klaustrophobischen Kammerspiel, stark inspiriert von klassischen Whodunits à la Agatha Christie. Sten nutzt das „geschlossene Setting“ meisterhaft: Niemand kann entkommen, alle sind gezwungen, miteinander auszukommen. Statt Insel, Landhaus oder Zug erwartet uns ein verschneites Ferienhaus, in dem die Studenten buchstäblich aufeinander hocken und in dem jede Aussage, jede noch so kleine Emotion sofort Gewicht bekommt.

Hanna Ahlander und Daniel Lindskog müssen sich durch widersprüchliche Aussagen, Halbwahrheiten und gezielte Auslassungen arbeiten, müssen Fragen stellen, erneut nachhaken, Angaben vergleichen – ein psychologisches Katz-und-Maus-Spiel, das weniger auf Action als auf Beobachtung, Dialoge und psychologisches Gespür setzt. Sten modernisiert das klassische Schema, indem sie statt alter Familiengeheimnisse auf Gruppendruck, Alkohol, Mutproben und jugendlichen Leichtsinn setzt. Das Ergebnis ist ein zeitgemäßer, fesselnder Krimi, der mich oft spät abends wachgehalten hat und immer wieder dazu brachte, meine Verdächtigenliste zu überdenken.

Doch nicht nur die Dynamik innerhalb der Studentengruppe fesselt. Auch die Ermittler bleiben interessant: Hanna ist die ruhige, analytische Kraft, die sich nicht von vordergründigen Emotionen leiten lässt, während Daniel ihr Gegenpol ist – menschlich, zugewandt, manchmal etwas impulsiv. Besonders berührt hat mich die Weiterentwicklung ihres jungen Kollegen Anton. Sein Privatleben bekommt in Lügennebel mehr Raum – und das nicht als schmückendes Beiwerk. Anton findet endlich den Mut, zu seiner Homosexualität zu stehen und sich seiner Familie sowie ausgewählten Kollegen anzuvertrauen (natürlich Hanna und Daniel). Diese Entwicklung ist sensibel erzählt, unaufgeregt und glaubwürdig, fügt sich organisch in die Geschichte ein und verleiht der Figur zusätzliche Tiefe, ohne den Kriminalfall zu überlagern. Daniel und Hanna hingegen treten beziehungstechnisch weiterhin auf der Stelle. Aber wisst ihr was: Ermittlerpaare müssen auch nicht immer im Privatleben ein Paar sein.

Stens Spiel mit klassischen Whodunit-Elementen ist brillant: ein geschlossenes Setting, ein Opfer aus einem kleinen, überschaubaren Kreis, widersprüchliche Aussagen, Red Herrings an jeder Ecke. Doch sie vertieft die Erzählung durch psychologische Spannung, Gruppendynamik und das ständige Abwägen von Schuld und Verrat. Jede Figur ist gleichzeitig Freund und potenzieller Täter, und die Balance zwischen Misstrauen, Angst und Loyalität sorgt dafür, dass die Spannung durchgängig hoch bleibt.

Über das Hörbuch

Gelesen wird das Hörbuch von Vera Teltz (1971), einer deutschen Synchronsprecherin und Schauspielerin sowie Hörspiel- und Hörbuchsprecherin. Sie liest ruhig, präzise und mit einem feinen Gespür für Zwischentöne. Besonders die Passagen im Ferienhaus profitieren von ihrer Interpretation: Die unterschwellige Anspannung, das Unausgesprochene zwischen den Figuren, das ständige Kippen zwischen Nähe und Misstrauen werden von ihr sehr atmosphärisch transportiert. Hanna, Daniel, Anton und die Studenten sind klar unterscheidbar, ohne überzeichnet zu wirken. Das Hörbuch hat für mich entscheidend dazu beigetragen, dass die Geschichte mich so begeistert hat.

Mein Fazit

„Lügennebel“ ist für mich ein rundum gelungener Kriminalroman – spannend, komplex und psychologisch clever konstruiert. Die Verwicklungen sitzen, es gibt diverse falsche Fährten, und die Protagonisten entwickeln sich spürbar weiter. Besonders die beklemmende Stimmung im abgeschiedenen Ferienhaus und Antons persönlicher Schritt nach vorn haben mich überzeugt. Ein Krimi, der nicht nur unterhält, sondern auch Lust auf die Fortsetzung macht!

Autorin: Viveca Sten
Buchtitel: Lügennebel (gekürzte Fassung)
Reihe: Der vierte Fall für Hanna Ahlander
Sprecherin: Vera Teltz
Verlag: Der Audio Verlag
ISBN: 9783742435323
Dauer: 9 h 50 min
Erscheinungsdatum: 16. Oktober 2025
Genre: Krimi

Veröffentlicht in Hörbücher

Ana Dee: Spur im Nebel

Buchcover von Spur im Nebel von Ana Dee: Ein düsterer, nebliger Wald mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Der Titel ‚Spur im Nebel‘ in großen, weißen Buchstaben im oberen Bereich des Covers. Der Name der Autorin, Ana Dee, in kleinerer Schrift darüber

Tief im Norden Schwedens, wo die Stille der Wälder schwerer wiegt als Worte und selbst das Tageslicht zaghaft wirkt, begibt sich ein Forscherteam auf eine Expedition. Ihr Ziel: eine seltene Elchart, die nur in dieser abgelegenen Region existieren soll. Doch je tiefer sie in die Einsamkeit vordringen, desto stärker wird das Gefühl, nicht allein zu sein. In der Nähe liegt ein altes, verlassenes Militärgelände – vergessene Bunker, rostende Zäune, und Geschichten über düstere Experimente und uralte Rituale, die nie aufgeklärt werden konnten. Als das Team das Gelände betritt, beginnt eine Abfolge seltsamer Ereignisse. Schatten im Wald. Stimmen in der Nacht. Spuren, die keiner von ihnen hinterlassen haben kann. Dann geschieht der erste Mord. Gefangen zwischen unendlicher Wildnis und einer Bedrohung, die sie nicht greifen können, beginnt für die Forscher ein albtraumhaftes Rennen gegen die Zeit – und gegen einen Feind, der sie längst besser kennt als sie sich selbst.

Ana Dee ist eine deutsche Autorin (*1967), die in Nordrhein-Westfalen lebt und neben dem Schreiben als Tierpsychologin/Tiertherapeutin arbeitet. Sie schreibt vornehmlich Krimis und Mystery-Romane, häufig mit skandinavischem Setting und verwendet für einige ihrer Werke auch das Pseudonym „Elin Svensson“.

Ana Dee nimmt mit ihrem Roman Spur im Nebel erneut ein abgelegenes skandinavisches Setting in den Blick: eine wissenschaftliche Expedition tief im Norden Schwedens. Es gibt ein altes Holzhaus mit „Bad Vibes“, ein verlassenes Militärgelände, ein mysteriöses Haus, eine seltene Elchart und mehrere Morde … Geht’s noch besser?

Und dann war da ein Geräusch, ein seltsames Summen. Erst leise, dann drängender. Es passte nicht hierher, es gehörte nicht in diesen Wald. Sie spürte plötzlich, wie der Boden kälter wurde, wie das Licht nachließ, wie der Elch immer blasser wurde, als würde jemand das Bild Stück für Stück wegradieren.

Der Roman beginnt damit, dass ein Team von Naturwissenschaftlern nach Lappland fährt: Johanna, Björn, Mika und Nina. Die vier wollen dort sechs Monate in einem angemieteten Holzhaus überwintern, um auf die Spur einer seltenen Elchart zu kommen. Schon beim Einzug weigert sich Nina, in ein bestimmtes Schlafzimmer zu ziehen – es hat eine „seltsame Aura“, merkt sie an. Das ganze Haus wirke geheimnisvoll und warum schauen die Personen auf dem alten Familienfoto so traurig? Als sie in die sie umgebende Wildnis vordringen, um Überwachungskameras aufzuhängen und erste Spuren zu suchen, stellt sich bald das dumpfe Gefühl ein, dass sie nicht allein sind. Schatten huschen durch den Wald. In der Nacht meint einer von ihnen, Stimmen zu vernehmen. Statt der Tierfährten finden sie Spuren von schweren Schuhen, die keiner von ihnen hinterlassen haben kann. Und dann erfolgt der erste Mord. Kurz danach der zweite …

Ab dann begeben wir uns gemeinsam mit Johanna und Björn auf die Flucht. Aber vor wem? Vor schwedischen Soldaten, die verhindern wollen, dass jemand etwas über die alte Militärbasis erfährt? Vor den unbekannten Bewohnern des mysteriösen Hauses? Vor einem Exfreund, der sich nur schwer mit dem Scheitern einer Beziehung arrangieren kann? Wer auch immer es ist, er macht mit moderner Technik Jagd auf sie. Doch obwohl mehrere Figuren sterben und andere um ihr Leben kämpfen müssen, konnte ich keine Anteilnahme empfinden, habe nicht wirklich mitgefiebert.

Die Figuren blieben für mich befremdlich distanziert und insbesondere Johanna entwickelt sich für mich zur zentralen Schwachstelle: Fast jedes Wort, das sie ab ihrer Flucht spricht, wirkt fehl am Platz. Ständig stelle sie Fragen wie „Wer sind diese Leute? … Sind wir dort sicher? … Wie konnten sie uns so schnell finden? … Wo sind wir hier? …“, obwohl die beiden Flüchtenden faktisch denselben Wissensstand haben. Man wartet fast darauf, dass Johannes Gegenüber irgendwann einfach mal sagt: „Kannst du bitte endlich die Klappe halten? Woher soll ich das denn wissen?!“ Ich habe Björn für seine stoische Geduld definitiv bewundert.

Ana Dee versucht mit ihrem Schreibstil und den Beschreibungen der Umgebung durchaus, Spannung und Atmosphäre zu erzeugen – ein dunkler Wald, die Isolation, Schatten im Dunkeln, das Grauen im Inneren. Doch eine klare Schwäche des Buches liegt darin, dass Stimmungen nicht gezeigt, sondern benannt werden. Es gibt kaum subtile Natur-, Geräusch- oder Innenraum­beschreibungen, die den Grusel des Unheimlichen schleichend aufbauen. Stattdessen lässt die Autorin ihre Figuren direkt konstatieren: „Oh, das ist aber gruselig hier. Dieses Haus hat Bad Vibes.“ Und das, bevor überhaupt etwas passiert ist. Ein klassisches telling statt showing. Diese Vorgehens­weise raubt dem Text häufig jene Tiefe, die gerade beim Mystery-Krimi beim Leser eine gewisse innere Unruhe und Spannung erzeugt.

Über das Hörbuch

Die Hörbuchfassung wird gesprochen von Julia Blankenburg (*1969 in Berlin). Blankenburg ist eine deutsche Schauspielerin (z. B. Alles Klara, Polizeiruf 110, Gute Zeiten, schlechte Zeiten), Synchronsprecherin sowie Sprecherin von Hörspielen & Hörbüchern.

Bei ruhiger Umgebung – abends im Bett und in schlaflosen Nächten – fiel mir das ständige Einatmen der Sprecherin deutlich auf. Dazu kamen kleine „Schniefer“ durch die Nase; ein Detail, das in stiller Hörsituation das Hörerlebnis empfindlich trübte. Blankenburgs Stimme trägt die Geschichte solide, die Lesung ist technisch sauber, aber diese Atem- und Nasengeräusche hätten entweder gemindert oder editiert werden können.

Mein Fazit

„Spur im Nebel“ ist ein Krimi mit einer durchaus interessanten Grundidee: isolierte Wildnis, altes Militärgelände, potenzielle Experimente, Schatten in der Nacht und Stimmen – das verspricht Gänsehaut-Feeling. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung leider nur mittelmäßig (und das ist noch freundlich gesagt). Die zentrale Protagonistin Johanna fand ich unerträglich: Ihre ständige Fragerei und ihr unreflektiertes Handeln machen viele Szenen eher ermüdend als mitreißend. Man nimmt den Tod einzelner Figuren eher hin, als mitzuleiden – ob das nun mit den Opfern ist oder mit jenen, die überleben. Und der Mörder? Man fragt sich kaum noch: „Wer war’s?“, sondern eher: „Egal, erzähl’s mir einfach und mach Schluss.“ Wer eine atmosphärische, subtil spannende Geschichte erwartet, wird hier enttäuscht. Wer hingegen unkomplizierten Wildernis-Thrill mit vielen Dialogen und simplen Fragen liebt, kann zugreifen.

Autorin: Ana Dee
Buchtitel: Spur im Nebel (ungekürzte Fassung)
Sprecherin: Julia Blankenburg
Verlag: MP Verlag
EAN: 4069828716636
Dauer: 9 h 25 min
Erscheinungsdatum: 10. Oktober 2025
Genre: Thriller

Veröffentlicht in Hörbücher

Stephen King: Menschenjagd

Cover von stephen kings roman menschenjagd; man sieht einen eine straße entlangrennenden mann in einer düsteren atmosphäre

Die USA im Jahr 2025: Wer Arbeit hat, kann von Glück reden. Für das Heer der Arbeitslosen gibt’s billiges Rauschgift und kostenloses Fernsehen – Free-Vee. Die Regierung und die öffentlichen Fernsehanstalten arbeiten in großen Allianzen zusammen, die Großstädte sind infolge der jahrelangen Misswirtschaft vollkommen verseucht. Ben Richards, Vater einer totkranken Tochter, lebt mit seiner Familie in der verkommenen Wohnsiedlung Co-Op-City. Um Geld für die Medizin seiner Tochter zu bekommen, bewirbt er sich bei Network Games und wird der beliebtesten Game-Show zugeteilt: „Menschenjagd“.
Ben Richards will diese Chance nutzen, um seine Tochter zu retten, doch er weiß genau: Diese Show läuft bereits seit sechs Jahren und bisher hat kein Mensch sie überlebt. Ben Richards will der erste sein …

Stephen King (*1947 in Portland, Maine) ist einer der meistgelesenen und erfolgreichsten Autoren unserer Zeit. Mit seinem beeindruckenden Gesamtwerk, das zahlreiche Bestseller und Verfilmungen (z. B. Es, The Shining, Carrie, Cujo, The Stand) umfasst, prägt er seit vielen Jahren die Literaturwelt und zieht bis heute Millionen von Lesern weltweit in seinen Bann. Neben seinem bekannten Namen nutzte King das Pseudonym „Richard Bachman“, um eine weitere Facette seines schriftstellerischen Könnens zu zeigen und, wie er selbst sagte, „die Leser zu testen“. Er wollte herausfinden, ob seine Werke auch ohne seinen bekannten Namen Erfolg haben würden. Außerdem ging man damals in den Siebzigern davon aus, dass der Buchmarkt nur ein Buch pro Jahr von einem Autor „verkraften“ würde. Das Pseudonym ermöglichte es ihm daher, mehr Bücher in kürzerer Zeit zu veröffentlichen. Menschenjagd erschien 1982 als Teil der sogenannten „Bachman-Bücher“. Dem Buch ist eine fiktive Entstehungsgeschichte vorangestellt, um es noch authentischer zu machen: Die Witwe eines Autors habe im Keller unveröffentlichte Romanentwürfe ihres Mannes gefunden. Menschenjagd sei das Buch gewesen, das am weitesten gediehen war.
Der Roman steht exemplarisch für Kings Fähigkeit, gesellschaftliche Missstände in einer fiktiven, aber erschreckend realistischen Welt zu thematisieren. Die düstere Atmosphäre und die kritischen Untertöne machen das Werk zu einem Klassiker der dystopischen Literatur.


„Die Regeln sind denkbar einfach. Sie gewinnen für jede Stunde, die Sie in Freiheit verbringen, hundert Neudollar. Wir statten Sie zu Beginn der Jagd mit 4800 Dollar aus, da wir davon ausgehen, dass Sie es schaffen werden, die Jäger 48 Stunden an der Nase herumzuführen. Wenn Sie dreißig Tage durchhalten, gewinnen Sie den Großen Preis. Eine Milliarde Neudollar.“

Ben Richards ist ein vom Schicksal hart getroffener Mann. In einer Welt, die von einer dystopischen Diktatur und extremen sozialen Ungleichheiten geprägt ist, lebt er mit seiner Frau Sheila und seiner kleinen Tochter Cathy in bedrückender Armut. Cathy leidet an einer schweren Krankheit, für die sich Ben eine Behandlung wünscht – ein Ziel, das für einen Mann in seiner finanziellen Situation unerreichbar ist. Arbeitslos und ausgegrenzt kämpft er nicht nur gegen die äußeren Umstände, sondern auch gegen die innere Verzweiflung, die ihn zu verschlingen droht.

Doch Richards ist kein Mann, der so einfach aufgibt. Ihn treibt die Wut über die Ungerechtigkeit der Gesellschaft an, aber auch die bedingungslose Liebe zu seiner Familie. Als sich ihm die Chance bietet, an der brutalen Reality-Show „Menschenjagd“ teilzunehmen, greift er trotz der offensichtlichen Gefahr zu. Die Aussicht, Millionen zu gewinnen und damit das Leben seiner Familie zu verbessern, siegt über die Angst vor dem Tod.

Der Charakter von Ben Richards ist komplex und vielschichtig. Er vereint in sich Mut, Hartnäckigkeit und eine gehörige Portion Zynismus. Seine Teilnahme an der Show ist nicht nur ein Kampf ums Überleben, sondern auch ein Akt des Trotzes gegen das System, das ihn und viele andere unterdrückt. Er ist das Sinnbild des kleinen Mannes, der sich gegen eine übermächtige und unbarmherzige Maschinerie auflehnt, und seine Reise ist inspirierend und herzzerreißend zugleich.

Stephen Kings Schreibstil als Bachman ist düster, temporeich und fesselnd. Die Verwendung eines klaren, fast nüchternen Tons unterstreicht die Brutalität der dargestellten Welt. King verzichtet bewusst auf ausschweifende Beschreibungen und konzentriert sich stattdessen auf die Handlung und die inneren Konflikte seiner Figuren, allen voran natürlich des Protagonisten.

In Menschenjagd präsentiert King das Porträt einer Gesellschaft, die von Ungerechtigkeit, Sensationsgier und Kapitalismus geprägt ist. King stellt den Leser vor die Frage, wie weit Menschen in ihrer Verzweiflung gehen und wie unmenschlich eine Gesellschaft werden muss, um aus Leid Profit zu schlagen. Das macht den Roman nicht nur zu einem spannenden Thriller, sondern auch zu einer kritischen Gesellschaftsstudie. Und in Anbetracht der Tatsache, dass der Roman in unserer Gegenwart – 2025 – spielt, liegt es natürlich auch nah, dass der Leser anfängt, nach Parallelen zum tatsächlichen Geschehen bzw. zu den tatsächlichen gesellschaftlichen oder politischen Gegebenheiten Ausschau zu halten.

Über das Hörbuch

Gelesen wird das Hörbuch zu Menschenjagd von David Nathan. Nathan (*1971) ist als Synchronsprecher z. B. die deutsche Stimme von Johnny Depp (Jack Sparrow), Nathan Fillion (Firefly), Paul Walker (The Fast and the Furious) oder Christian Bale. Darüber hinaus fungiert er aber auch als Sprecher vieler Hörbücher diverser Romane von Stephen King, Guillermo del Toros Saat-Trilogie oder Ernest Clines Bestseller Ready Player One – und er ist m. E. einer der besten Sprecher, die wir in Deutschland haben!

Nathan gelingt es von Beginn an, den Zuhörer in die düstere Dystopie hineinzuziehen. Er vermittelt auf glaubwürdige Weise sowohl die Wut des Protagonisten als auch seine zunehmende Verzweiflung. Aber auch die Nebenfiguren werden durch eine Variation von Stimmhöhe oder anderen Charakteristika glaubwürdig zum Leben erweckt.

Mein Fazit

„Menschenjagd“ ist ein packender dystopischer Roman, der den Leser bis zum letzten Atemzug mitfiebern lässt. Wer schon mehrere Dystopien gelesen hat, ahnt, dass die Geschichte vermutlich kein glückliches Ende nehmen wird, aber dennoch hält die Spannung bis zur letzten Seite an. Stephen King gelingt es meisterhaft, eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen, die gleichermaßen schockiert und zum Nachdenken anregt.

Autor: Stephen King aka Richard Bachmann
Buchtitel: Menschenjagd (ungekürzte Lesung)
Sprecher: David Nathan
Verlag: Audible Studios
ASIN: B0083JBSLK
Dauer: 8 h 47 min
Erscheinungsdatum: 23. Februar 2012
Genre: Dystopie